Teamcoaching professionalisieren

7. Juli 2022

Aktuelle Marktdaten belegen, dass der Anteil der Team- und Gruppencoachings am Gesamt-Coachingmarkt beträchtlich zugenommen hat. Beinahe 37 Prozent aller Coachings finden inzwischen in Teams und Gruppen statt. Es ist daher an der Zeit, das Teamcoaching, das bislang auch in vielen Ausbildungen eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, weiter zu professionalisieren. Svenja Hofert und Thorsten Visbal wollen in ihrem 2021 erschienenen Buch zeigen „wie Teams funktionieren und wann sie effektiv arbeiten„.

Das große Plus dieses Grundlagenwerks: Von Begriffsdefinitionen über die Diskussion von Wertehaltungen und Grundannahmen, von gruppendynamischen Phänomenen und Rollenklärungen bis zur Auflösung von Konflikten, vom Teamcoaching in Präsenz bis zur Remote-Arbeit führen die Autoren in alle Facetten des Teamcoachings ein. Klassische Modelle und Tools wie zum Beispiel die Teamuhr nach Tuckman werden ergänzt durch moderne Herangehensweisen, zum Beispiel agile Spiele.

Einzig und allein die Dichte der beschriebenen Methoden, zumeist in tabellarischer Form, dürfte für den Einsteiger in das Teamcoaching eher abschreckend als animierend sein. Denn die damit verbundene Abstraktheit erschwert es, in eine praktische Umsetzung zu gehen. Insofern ist das Buch eher ein Nachschlagewerk für Profis, die sich in kurzer Zeit in eine Thematik einarbeiten wollen.

Sehr hilfreich sind die systemischen Grundannahmen, die die Autoren formulieren: „Ich bin selbst die wichtigste Intervention“ verweist auf die Bedeutung, die der geschulten Rollenklarheit und der metaperspektischen Grundhaltung eines Teamcoachs zukommt. „Ohne Emotionen bewegt sich nichts“ spiegelt das Wissen darum, dass Veränderung nur mit neuronalem „Feuer“ gelingt. „Alles hat zwei Seiten“ klingt zunächst banal, fördert aber die geistige Flexibilität. „Nur Verhalten zählt“ hilft, hinter die Fassade der Bewertungen zu schauen.

Und nicht zuletzt die Annahme „Entwicklung vor Zufriedenheit“ schützt davor, vordergründige Lösungen zu finden. Die Beobachtung der Autoren: „Ist die Zeit … reif, dann führt der Weg zu einer neuen Erkenntnis fast immer über eine Irritation und selten über sofortiges lautes Hurra.“


Jeder Coach ist anders

17. Juni 2022

Die gerade veröffentlichte Rauen Coaching-Marktanalyse 2022, der die Daten von 407 befragten Coachs zugrunde liegen, analysiert die Entwicklung des Coachingmarkts im zweiten Jahr der Pandemie. Besonders auffällig: Online-Coaching ist mit einem Anteil von 45% inzwischen zum Standardformat vor dem Präsenz-Coaching (44,1%) geworden. Außerdem hat der Anteil der Team- und Gruppencoachings beträchtlich zugenommen. Betrug er 2021 noch insgesamt 23,16%, beläuft er sich nun auf 36,69% des Coaching-Markts. Vieles deutet darauf hin, dass Konflikte ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind.

Noch eine weitere wichtige Erkenntnis der Analyse: Den prototypischen Coach gibt es eigentlich nicht. Besonders deutlich wird dies bei einem Blick auf die Zielgruppen. Obgleich die Mehrheit der Coachs über eine akademische Ausbildung verfügt und häufig bereits mehrere Jahre Führungstätigkeit nachweisen kann, coachen sie doch die unterschiedlichsten Zielgruppen, verbunden mit stark variierenden Einkommenschancen. Den größten Anteil am Coaching-Markt machen Privatpersonen mit beruflichen Anliegen aus (48,3%) aus, gefolgt von Führungskräften im Mittleren Management (43,84%). Aber auch der Anteil der Schulpflichtigen, Studierenden und Arbeitslosen am Zielgruppenspektrum nimmt zu.

Insgesamt ist im vergangenen Jahr der Coaching-Anteil an der Jahresarbeitszeit von Coachs von 33,19% auf 45,16% gestiegen. Das durchschnittliche Honorar, das bereits im vergangenen Jahr mit EUR 175,83 rückläufig war, ist dagegen auf EUR 164,65 gesunken. Allein die Soloselbstständigen mit freien Mitarbeitern konnten ihr Einkommen im Vergleich zum Vorjahr verbessern. Insgesamt nimmt die Zahl der Soloselbstständigen am Markt zugunsten von Coaching-Unternehmen ab. Waren 2021 Coachs mit geringerer Berufserfahrung noch erfolgreicher als ihre Kollegen mit langjähriger Erfahrung, so hat sich 2022 dieser Trend 2022 wieder umgekehrt.

Coaching wird in über der Hälfte aller Fälle (50,58%) vom Unternehmen finanziert. 33,28% aller Coachings zahlen die Klienten selbst. Alle übrigen Coachings werden von Weiterbildungsträgern, der Arbeitsagentur oder anderen Trägern ermöglicht. Das wichtigste Coaching-Thema ist die Reflexion der eigenen Führungsrolle, in 2022 gefolgt vom Thema Konfliktmanagement, das 2021 noch zu den Mittelfeldthemen gehörte. Offenbar gibt es so einziges zu tun, um den „Teamfluss“ nach zwei Jahren Pandemie und Homeoffice wiederherzustellen.

Die Untersuchungsergebnisse zum Thema Coach-Marketing unterscheiden sich im Jahresvergleich in geringerem Maße als die übrigen Daten. Weiterempfehlung bleibt der wichtigste Faktor für den Erfolg, gefolgt von der Spezialisierung und dem persönlichen Kontakt vor einem Coaching. Bei den Social-Media-Kanal-Aktivitäten führen LinkedIn und Xing an. Facebook, Instagram und Pinterest spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle, wenngleich Facebook-Aktivitäten aus der Warte der Coachs, die das Medium nutzen, genauso wirksam ist wie LinkedIn und Xing.


Neurotraining für die Psyche

24. Mai 2022

Die Botschaft, dass Körper, Emotionen und Geist Teile desselben Systems darstellen, hat keinen Neuigkeitswert mehr. Schon seit zwei Jahrzehnten werden die Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist, vermittelt über unser Gehirn, intensiv erforscht. Doch in jüngster Zeit hat sich durch diese Entwicklung auch der therapeutische Fokus verschoben. Bislang als psychisch kategorisierte Probleme werden inzwischen immer häufiger auch aus neuronaler Perspektive betrachtet und auf neuen körperorientierten Wegen behandelt.

Ein Beispiel für diesen Trend liefert das von den Sporttrainern Lars Lienhard und Ulla Schmid-Fetzer verfasste Buch zur Neuronalen Heilung. Darin beschäftigen sie sich mit den Funktionen der Inselrinde, die für die innere Wahrnehmung zuständig ist. Mit einfachen und größtenteil bereits bekannten, aber in ihrer Wirkung durchaus verkannten Körperübungen zielen sie darauf, die Balance zwischen den zwei zentralen Kräften unseres vegetativen Nervensystems, dem Sympathicus und dem Parasympathicus, zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Dazu ist es wichtig, dass die Inselrinde Informationen aus der Umwelt, dem Körperinneren, dem Fühlen sowie der Bewegung bestmöglich integriert.

Der hintere Teil der Inselrinde beurteilt vor allem die über den Vagusnerv eingehenden Informationen, Gefühlsintensitäten und sowie Gleichgewichtssignale. Der mittlere Teil prozessiert Geruch, Geschmack, akustische Signale sowie weitere Aspekte des Gleichgewichts. Im vorderen Teil geht es um die bewusste Wahrnehmung und die kognitive Beurteilung der Informationen. Die Inselrinde steht wiederum in enger Verbindung mit dem Frontallappen, der es ermöglicht, auf Impulse angemessen zu reagieren.

Das Training des Vagusnervs, Gleichgewichts- und Geruchs- sowie Geschmacksübungen, kombiniert mit Augenübungen, akustischen Übungen und Atemübungen, regulieren innere Vorgänge wie Emotionen und zum Beispiel Essverhalten. Sie bereiten außerdem den Boden für die Fähigkeit, das sozial-emotionale Zentrum im vorderen Bereich der Inselrinde gut zu steuern. Hinweise auf eine Dysbalance in diesem Bereich können Stress, Phobien, Panikattacken und depressive Stimmungen sein.

Mit dem Wissen um körperorientierte Methoden eröffnen sich neue Selbsthilfemöglichkeiten für Menschen, die ihr Körpergefühl verbessern, Stress reduzieren, Emotionen regulieren und ihre Aufmerksamkeit für Aufgaben schärfen wollen. Den Wirksamkeitsnachweis des beschriebenen Trainings insbesondere für die psychischen Anwendungen können natürlich nur entsprechende Studien erbringen. Dass sich neuronales Training messbar positiv auf die körperliche Leistungsfähigkeit auswirkt, haben die Autoren als Trainer im Spitzensport jedenfalls bereits bewiesen.


Ethik im Coaching

27. April 2022

Coaching ist eine besonders verantwortungsvolle Tätigkeit. Denn schließlich schenken die Klienten dem Coach ein hohes Maß an Vertrauen. Sie „vertrauen sich an“ und teilen mit ihm ihr ganz persönliches Erleben und die damit verbundenen Emotionen. Das ethische Verhalten des Coachs ist daher der Dreh- und Angelpunkt für die Qualität der Beziehung, die Coach und Klient miteinander aufbauen.

Coaching macht es sich per definitionem zur Aufgabe, nicht die eigenen Ziele, sondern die Ziele des Klienten in den Mittelpunkt zu stellen. Es setzt aus diesem Grund immer die professionelle Rollenklarheit des Coachs voraus. Auch beim Coaching von Freunden oder Bekannten verfügt ein geschulter Coach über die Kompetenz, die persönliche von der professionellen Ebene klar zu trennen.

Der Coach verantwortet zwar nicht die vom Klienten gefundenen Lösungen, zum Beispiel eine Trennung vom Arbeitgeber. Doch er ist verantwortlich für die Beziehungsqualität zum Klienten und für Qualität des Coaching-Prozesses. Zu seinen Aufgaben gehört es außerdem, seine berufsbezogenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und die Grenzen seiner Kompetenzen in einem Coaching klar zu erkennen. Wenn sich beispielsweise Themen im Verlaufe des Coachings als therapiebedürftig darstellen, gehört die Verweisung an Experten zur Kompetenzausübung des Coachs.

Zum Coaching gehört neben der Verschwiegenheit auch eine durchgehende Wertschätzung für die Haltung und das Verhalten des Klienten. Ohne die Fähigkeit, allen (in-)direkt Beteiligten gegenüber Neutralität zu bewahren, wird der Coach seiner Aufgabe nicht gerecht. Denn zum Coaching gehört die systemische Überzeugung, dass allem Verhalten eine positive Absicht innewohnt und insofern jedem der gebührende Respekt zu zollen ist.

Die systemische Grundhaltung des Coachs führt zu einem ökologischen Denken, das die Komplexität der Wechselwirkungen in Systemen im Blick hat. Aus dieser Sicht sind Klienten-Lösungen nur dann langfristig tragfähig, wenn sie der inneren sowie äußeren Ökologie des Klienten entsprechen und ihn auf längere Sicht weniger kosten als das alte Verhaltensprogramm. Gute Coaching-Lösungen orientieren sich nicht am schnellen, sondern immer am nachhaltigen Erfolg.

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs Coach in den Medien und in der Wirtschaft legt nahe, dass jeder jederzeit über Coaching-Kompetenzen verfügen kann. Doch es liegt auf der Hand, dass die genannten Coach-Fähigkeiten einer gezielten Schulung bedürfen. Coaching ist ein Berufsbild, bei dem methodische Qualitäten und die Bereitschaft zur Persönlichkeitsentwicklung sowie ethisch ausgerichtetem Handeln untrennbar miteinander verknüpft sind.


Working Out Loud

30. März 2022

Working Out Loud? In der Öffentlichkeit darüber reden, woran man gerade arbeitet, wie man dabei vorgeht und welche offenen Fragen sich stellen? Undenkbar in einer linearen Welt, in der jeder für sich in seinem stillen Kämmerlein oder allenfalls im angestammten Team über das Lösen komplexer Aufgabenstellungen nachdenkt. WOL, als Begriff erfunden vom IT-Spezialisten Bryce Williams und als Methode begründet von John Stepper, kultiviert den team- und unternehmensübergreifenden Dialog.

Working Out Loud bedeutet ganz allgemein, den Verlauf der eigenen Arbeit als Selbstständiger oder Angestellter über Social Media oder andere öffentlich zugängliche Quellen sichtbar zu machen und Ergebnisse zu teilen.

Damit verbunden ist der Wunsch, im Gegenzug auch das Wissen anderer durch gutes Netzwerken anzapfen zu können. Denn nicht selten arbeiten unterschiedliche Akteure an denselben Fragestellungen, ohne voneinander zu wissen und von den Erfahrungen der Mitakteure zu profitieren.

Die WOL-Idee setzt sich durch das team- und organisationsübergreifende Vorgehen über Konkurrenzideen und Silodenken hinweg und verwirklicht echte Kollaboration. Denn zu den von Stepper begründeten Prinzipien der Methode gehört es, Beziehungen agil und nicht nur formell und funktionsgebunden zu pflegen.

Stattdessen fußt WOL auf der Entwicklung hierarchieübergreifender, vertrauensvoller persönlicher Beziehungen in den verschiedensten Umfeldern. Auf der Basis von Offenheit und Großzügigkeit entstehen so langfristig tragfähige Netzwerke mit institutionenübergreifenden Kommunikationswegen, die manchmal auch in ungewöhnlichen Karriereschritten münden können.

Im engeren Sinne heißt WOL auch die von Stepper in seinem Buch beschriebene Methode der Circle-Treffen. Die WOL-Teilnehmenden aus einer oder mehreren Organisationen treffen sich in den Circles, um das im Circle Guide beschriebenes Programm zu durchlaufen. Mit vier bis fünf weiteren Akteuren kommen die Teilnehmenden über zwölf Wochen jeweils eine Stunde wöchentlich zusammen, um die in den Leitfäden vorgegebenen Fragestellungen zu bearbeiten. Dabei stehen immer die selbstgesteckten Ziele im Mittelpunkt.

WORKING OUT LOUD strukturiert den kreativen Austausch, um das innere und äußere Wachstum zum Nutzen aller Beteiligten anzuregen. Als Methode zur hierarchiefreien Weiterentwicklung in Teams ist WOL ein Tool zur Selbstorganisation und Förderung von Agilität. WOL ist darüber hinaus auch eine moderne Marketing-Kommunikations-Strategie, die den offenen Dialog mit Mitbewerbern und Kunden sucht.


Traumatisierungen erkennen

28. Januar 2022

Ja, genau: Die Behandlung tiefgreifender Traumatisierungen gehört in die Hände von Therapeuten, und nicht in die von Coachs. Doch das Buch der Traumatherapeutin Verena König sollte Eingang in den einen oder anderen Coach-Bücherschrank finden. Denn in großer Anschaulichkeit Verena König das menschliche Nervensystem dar und zeigt einfühlsam, welche Folgen sowohl aus Schocktraumata als auch aus Entwicklungstraumata resultieren.

Irritierend ist nur der Titel: „Bin ich traumatisiert?“ Denn er suggeriert, eine Art Leitfaden zur Selbstdiagnose von Traumata vorzufinden. Es steht in Frage, ob ein Buch Antwort darauf gehen kann. Wenn es sich bei Traumafolgen der Definition Königs nach um Symptome handelt, die in ihrem Ursprung normale Reaktionen des Nervensystems auf als unnormal erlebte Geschehnisse sind, dann gehören in gewisser Weise Traumata unterschiedlichen Grades zu unser aller Leben dazu.

Aber genau dieser Umstand macht das Buch spannend für den Coach. Verena König schildert die Arbeitsweise des Nervensystems und dessen Umgang mit Stress, reguliert durch das vegetative Nervensystem. Eine Übererregung aktiviert den Sympathikusnerv und bringt Kampf oder Flucht sowie eine Daueralarmiertheit hervor. Eine Untererregung wirkt auf den Vagusnerv und führt zu Immobilität und emotionaler Taubheit sowie Dissoziiertheit.

Diese Dissoziiertheit ist ein Zustand, in dem sich die Wahrnehmung in Erinnerungselemente aufspaltet und dadurch das Verarbeiten des Erlebten verhindert. Was aber nicht verarbeitet werden kann, wirkt als Trigger weiter und flutet das Bewusstsein der Betroffenen, ohne dass sie durch den Einsatz des Verstandes dagegen angehen können. Denn mit Hilfe des Modells vom dreieinigen Gehirn mit Stammhirn, Limbischem System und Neocortex zeigt König, wieso die Fähigkeit zum komplexes Denken bei traumatischen Symptomen nicht greift.

In einer solchen Situation können selbstverständlich kognitiv orientierte Methoden wenig ausrichten. Vielmehr ist es wichtig, beim Limbischen System anzusetzen und Traumaenergien Schritt für Schritt aufzulösen. König nennt als Beispiele für solche Methoden EMDR (den Coachs aus der Methodenkombi wingwave bekannt), Hynotherapie, Somatic Experiencing sowie weitere vor allem körperorientierte Verfahren. Auch Yoga zählt zu den bewährten Therapien.

Das Buch unterstützt Coachs dabei, die vielgestaltigen Stress-Reaktionen und Alltagstraumatisierungen ihrer Klienten besser einordnen zu können und die passenden Methoden zur Stressbalance auszuwählen. Es spiegelt aber auch sehr deutlich, dass tiefgreifende Traumata in die Verantwortung von dazu ausgebildeten Spezialisten gehören.


Komplexe Welten verstehen

5. Januar 2022

Unsere komplexe Welt besser verstehen“ verspricht der Untertitel von Dirk Brockmanns Buch Im Wald vor lauter Bäumen. Brockmann ist theoretischer Physiker, Mathematiker sowie Professor am Biologischen Institut der Berliner Humboldt Universität. Seine Quintessenz aus der Beschäftigung mit komplexen Phänomenen außerhalb der traditionellen Grenzen der Physik: Die systemischen Prinzipien der Natur spiegeln sich, aus der Makroperspektive betrachtet, in der Gesellschaft. Menschliche Netzwerke folgen den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die komplexe Natur.

Für systemische Coachs sind Brockmanns Betrachtungen zu Systemen sehr anschaulich, wenn auch nicht ganz neu. Er beleuchtet, wie sich komplexe Öko-Systeme durch Rückkoppelungen selbst organisieren. Durch ausbalancierende Feedbacks erhalten Systeme ihre Eigenschaften. Durch verstärkende Feedbacks können sich aber auch so entwickeln, dass sie an einen Kipppunkt kommen und sich dann irreversibel in ihren Qualitäten transformieren. Hochspannend für den Coach wird es allerdings, wenn Brockmann die Verhaltensmuster in Tierpopulationen und Menschengruppen vergleicht.

Unter dem Motto „Was die Loveparade mit Staren, Heringen und Wanderameisen verbindet“, arbeitet er die Ähnlichkeiten dieser unterschiedlichen Systeme im kollektiven Verhalten heraus. Ein zentrales Prinzip ist die Synchronisation. Jedes Chaos tendiert zu Ordnung durch Angleichung der Muster, wie wir es von Vogel- oder auch Fischschwärmen her kennen. Auch Menschengruppen folgen diesem Gesetz, ohne dabei auf Führung angewiesen zu sein. Doch wie lässt sich diese selbstorganisatorische Ordnung erklären?

Komplexität, so scheint es, muss nicht kompliziert sein. Denn das Prinzip ist ganz einfach. Selbstorganisatorische Ordnung beruht auf der Interaktion und Angleichung kleinster Einheiten, die dann wiederum auf ihr Umfeld wirken. NLP-Anwender umschrieben dieses Vorgehen mit den Begriffen Kalibriren, Pacing und Rapport. Schließlich reagiert das Kollektiv als Ganzes, ganz ohne dass ein „Leittier“ die Richtung vorgibt.

Zwar ist das Schwarmverhalten von Vögeln und das Verhalten von Fußgängern in Gruppen nicht ohne weiteres mit komplexen Entscheidungsfindungen in Teams zu vergleichen. Doch es deuten sich auch für diese Settings einige wichtige gemeinsame Tendenzen ab. Gruppen neigen zu Mehrheitsentscheidungen, wobei neutrale Haltungen in der Regel stärkend für die Mehrheitsentscheidung wirken. Der so entstehende Konsens ist dabei nicht auf den direkten Austausch von Informationen angewiesen, sondern entsteht implizit.

Kollektive Entscheidungen bewähren sich im Allgemeinen stärker als die selbst der besten Teammitglieder, wie beispielsweise Forschungen zu medizinischen Diagnosen in kollegialen Teams zeigen. „Leittiere“ können allerdings die Qualität dieser Mehrheitsentscheidungen wieder verzerren. Denn ihr Eingreifen kann zur Verzerrung der Gruppendynamik führen. Die Zeit scheint gekommen, das Konzept Führung neu zu beleuchten.


Fragenreich ins neue Jahr starten

14. Dezember 2021

Zur Jahreswende steht nicht nur der Kalenderwechsel, sondern oft auch die Suche nach Anregungen für einen mentalen Erneuerungsprozess an. Wer das sprachliche Methodenrepertoire des Coachs kennenlernen möchte und eine Anleitung zum Selbstcoaching sucht, findet in Michael Curse Kurths 199 Fragen an Dich selbst einen guten Partner für diesen Prozess.

Der Titel verdeutlicht, dass es bei Kurths Buch um Eigenarbeit und Selbstendeckung geht. Der Autor, Rapper und zugleich Yogalehrer sowie systemischer Coach, beschränkt sich auf Einführungen sowie Erläuterungen zur guten Fragequalität. Fast nebenbei erlernt der Leser wichtige Aspekte des gezielten Spracheinsatzes beim Coaching.

In den Workshop-Parts dieses Selbstentwicklungsbuchs ist dagegen wortwörtlich allein der Leser gefragt: Entdeckungsfragen zu Zielklarheit und innerer Freiheit, zum Prozess des Annehmens, Verzeihens und Loslassens, zur Definition der eigenen Stärken sowie zum Erkunden des Berufsleben und des privaten Umfelds führen die Leserin in einen Dialog mit sich selbst.

Guten Fragen misst unsere Kultur seit Sokrates einen hohen Stellenwert zu. Doch erst das Coaching hat gute Fragetechniken systematisiert und methodisch vermittelbar gemacht. Kurths 199 Fragen tragen sicherlich zu einer weiteren Verankerung dieser Techniken in unserem Lebensalltag bei.


Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis

10. November 2021

Wenige Ansätze sind theoretisch so umfassend und im Erleben zugleich so konkret und „spürbar“ wie die Theory U von Otto Scharmer. Wer die Theory U kreativ nutzen und sie als Moderations- oder Coachingleitfaden in den unterschiedlichsten Kontexten einsetzen möchte, profitiert von Claudia Andriofs Praxisbuch für wirksame Veränderung, das den Weg durch das U mit vielen praktischen Beispielen illustriert und unterschiedlichste Techniken aufzeigt, um die einzelnen Etappen des U zu durchlaufen.

Andriof schafft Verständnis für systemische Komplexität und klärt den Unterschied zwischen rationalen und emotionalen Denkstilen sowie Vorgehensweisen. Sie vermittelt plastisch, dass Verändern mit der Theory U immer auch mit einer inneren Transformation verbunden ist, die in einem Loslassen bzw. Verabschieden von Altem mündet. Der U-Weg wird von ihr Schritt für Schritt erläutert und mit anderen gängigen Methoden vernetzt. So wird der umfassende Charakter des U-Wegs deutlich, ohne dass seine emotionale Tiefe verlorengeht.

Praktiker aus Coaching, Moderation und Training können sich an Tabellen, Übersichten und vielen Beispielen aus der Praxis orientieren, um ihr Methodenportfolio neu mit der Theory U zu vernetzen und eigene orginelle Wege durch das U zu planen. So befruchten sich die Theory U und einzelne Techniken gegenseitig, wobei viele der erwähnten Methoden durch den Einsatz in diesem theoretischen Rahmen eine neue Tiefe erfahren.

Denn die Theory U formuliert einen ungewohnten Anspruch an Veränderungsprozesse. Nachhaltiger Wandel, ob bei Einzelnen oder Teams, ist aus Otto Scharmers Sicht immer eine Transformation, die Menschen sowohl mit dem Herz als auch dem Verstand ganz erfasst. Diese Art von Wandel verändert nicht nur, sondern eröffnet eine neue Perspektivenbreite, worauf schließlich das U symbolisch verweist.


Online-Coaching-Qualität erzeugen

15. Oktober 2021

Online-Coaching gibt es schon viele Jahre. Doch ein breites Interesse an Online-Coaching-Methoden hat erst die Corona-Pandemie gebracht. Denn viele Coachs konnten sich bis zu diesem Punkt nicht vorstellen, mit den reduzierten Möglichkeiten des Bildschirms optimal auf Klientenanliegen einzugehen. Vor allem die eingeschränkte körpersprachliche Wahrnehmung erschien ihnen als relevantes Hindernis. Das frisch auf den Markt gekommene Praxisbuch Online-Coaching von Cora Besser-Siegmund et. al. stellt daher den sogenannte Humanonline-Faktor in den Mittelpunkt.

„Humanonline“ im Sinne der Autoren bedeutet, Klienten über körpersprachliche Inputs und Signale so zu mobilisieren, dass sie Verbindungen mit ihren Neuroressourcen herstellen können. Ohne diese Mobilisierung findet zwar auch ein Austausch von Worten und Ideen zwischen Klient und Coach statt. Der neurologische Aktivierungsgrad diese Kommunikation und die damit verbundene Langzeitaktivierung ist jedoch gering. Die Autoren empfehlen Online-Coachs vor allem, Bewegung in das Online-Coaching einzubauen sowie die von ihnen beschriebenen Open Mind Helper einzusetzen.

Open Mind Helper sind zum einen die bewussten Augenbewegungen, wie sie im wingwave-Coaching genutzt werden. Zum anderen gehören zum Beispiel Klopfübungen wie die Vagus-Stimulation mittels eines leichten Beklopfens des Brustbeins dazu. Bei allen Aktivitäten sollte die Kamera so eingestellt sein, dass die Kopf-, Schulter- und Armbewegungen des Klienten gut zu sehen sind. Es bewährt sich außerdem beim Online-Coaching, den Handlungsrahmen über den Bildschirmrand hinaus bewusst zu erweitern. Wenn Coachs zum Beispiel bewusste Augenbewegungen zur Ressourcenförderung einsetzen, dann helfen Klebepunkte im Raum des Klienten, das Blickfeld weiträumig zu öffnen.

Aber auch die Wahl der Sprache entscheidet mit darüber, ob Klienten am Bildschirm optimal involviert werden können. Wird Sprache gezielt eingesetzt, lassen sich online die gleichen Effekte erzielen wie in Präsenz. Das gilt für das Erzeugen von Trance bzw. das Durchführen von Hypnosen. Das gilt ebenso für alle Fragemethoden sowie Reframings und die Nutzung von Ankerwörter und anderen Buzzwords zur Aktivierung.

In die Sprache des erfahrenden NLP-Coachs übersetzt, bietet das Praxisbuch Online-Coaching allerdings nicht allzu viel Neues. Denn selbstverständlich ist „humanonline“ nur eine neue Umschreibung für Pacing und Rapport. Und auch viele Ideen speisen sich aus dem aus der analogen Arbeit bekannten Dienstleistungsspektrum der Autoren. Doch wer sich für die neurobiologischen Hintergründe von Coaching-Techniken interessiert, finde in diesem Buch viele aktuelle Anregungen.


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