Diversity in Teams fördern

31. Mai 2021

Diversity gehört zu den Buzzwords, die vor allem in größeren Organisationen die Runde machen. Doch welche Vorteile ergeben sich wirklich aus der Zusammenarbeit mit bunten Teams? Wird nicht durch Vielfalt und unterschiedlichste Perspektiven die produktive Kooperation der Teammitglieder sogar noch weiter erschwert? Die Trainerin Erika Lüthi und ihre Mitautoren zeigen in Teamentwicklung mit Diversity Management, dass die komplexen Herausforderungen der Globalisierung nur mit dem Mut zur Diversität bewältigt werden können.

Ihr auf einer systemischen Sichtweise der Welt beruhendes Argument: „Die Chancen, neue Lösungen für komplexe Probleme zu finden, steigen mit der Vielfalt der zur Verfügung stehenden Menschen und mit einer geeigneten Art und Weise, das Miteinanderarbeiten zu ermöglichen.“ Diversity-Teamentwicklung ist für sie die Kunst, die Vielfalt in Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Religion, Kultur etc. als Potenzial sichtbar zu machen und zur organisationellen Weiterentwicklung gezielt zu nutzen.

Ging es vor der Jahrtausendwende beim Diversity-Konzept noch vor allem darum, auf Diskriminierungen bestimmter Gruppen bewusst zu verzichten und Gleichwertigkeit im Miteinander zu leben, steht nun der Nutzen der Andersartigkeit für die Gemeinschaft im Mittelpunkt. In einer diversen Umwelt, so die Vorannahme, können sich langfristig nur entsprechend bunt aufgestellte Teams tatsächlich bewähren. Der Mc Kinsey Report „Delivering Through Diversity“ von 2018 beispielsweise belegt die weltweite Korrelation von Diversität und Geschäftserfolg.

Doch wie kann das Navigieren zwischen Unterschieden und den für die Teamarbeit ebenfalls nötigen Ähnlichkeiten sowie Gemeinsamkeiten gelingen? Und wie tragen sowohl Unterschiede als auch Ähnlichkeiten zur Performance bei? Im Modell von Lüthi und Kollegen steht die Entwicklung einer Teamkultur im Mittelpunkt, in der Unterschiede Würdigung finden und produktiv in den Zielerreichungsprozess integriert werden. Wenn die Synergie der vielfältigen Perspektiven gelingt, sind die Lösungsansätze diverser Teams kreativer und tragfähiger als die homogener Teams.

Typische Fragen in einer die Diversität förderndern Teamkultur lauten zum Beispiel: „Wo nutzen wir unsere Unterschiede erfolgreich? Wo lösen sie eher Unbehagen aus? Wo ergänzen wir uns in unserer Vielfalt? Welche Unterschiede in unserem Team tragen zur Zielerreichung bei?“ Voraussetzung für diesen offenen Austausch ist eine wertschätzende Feedbackkultur, die wiederum auf geschulter (Selbst-)Wahrnehmung, empathischer Kommunikation und Ambiguitätstoleranz beruht.

Ambiguitätstolerenz, die Fähigkeit, Unterschiedlichkeiten auszuhalten und mit Widersprüchen sowie Uneindeutigkeiten umgehen zu können, beschreiben Lüthi und Kollegen als die Diversity-Kompetenz schlechthin. In einer linear-analytischen Welt scheint es möglich, zwischen den Polen „richtig“ oder „falsch“, „schwarz“ oder „weiß“ zu navigieren. Doch durch die Komplexität einer digitalisierten und globalisierten Welt löst sich diese Klarheit auf. An die Stelle der alten Sicherheit tritt aber in geschulten Teams die Fähigkeit, multiperspektivisch an Lösungen heranzugehen.

Lüthi und Kollegen bieten neben einem kleinen Theorieteil eine umfangreiche Toolbox an, um Teams für den Umgang mit Diversität zu schulen. Genau genommen sind viele der beschriebenen Übungen nicht neu. Denn Teamentwicklung hatte schon immer die Aufgabe, Vielfalt und Gemeinsamkeiten zu einem größeren Ganzen zusammenzufügen. Das Diversitiy-Konzept schärft aber das Bewusstsein für Unterschiede und lenkt den Blick auf unbewusste Denkmuster (unconscious biases), die zuvor oft einfach ausgeblendet worden sind.


Kollektive Muster erkennen

30. April 2021

NLP-Methoden helfen, die für die eigene Persönlichkeit nicht zielführenden Muster zu transformieren. Weil Denk- und Handlungsmuster sowie die damit verbundenen Gefühle aber nicht nur über eine biographische, sondern auch eine kollektiv-gesellschaftliche Dimension verfügen, bleiben einige Themen lange verdeckt. Das Buch Kriegsenkel von Sabine Bode, bereits 2009 erschienen, liefert denjenigen einen Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis, die in den sechziger und siebziger Jahren in Deutschland aufgewachsen sind.

Wir alle kennen das Phänomen, dass aus Schuld, Selbstschutz, Scham und Überforderung Erlebnisse und Themen sowie die damit verbundenen Emotionen beiseite gelegt werden. So sind die Kriegskinder in Deutschland mit lautem Schweigen und einem hohen Anspruch an Disziplin und Leistung herangezogen worden. Weder konnten oder wollten die Eltern ihre Erlebnisse emotional beleuchten, noch gab es Raum für Verarbeitung der frühen Leiden der Kinder im Zuge des Kriegsgeschehens oder der Flucht. Der Blick in die Vergangenheit galt als Tabu.

Was aber bedeuten diese Muster für die Nachgeborenen, die Generation der Kriegsenkel, erzogen von Kriegskinder? Aus eigener Erfahrung kenne ich das Phänomen der Doppelbotschaften: Einerseits die kollektive Parole „früher war gestern – heute ist alles anders“. Andererseits das diffuse Gefühl, öfter mal auf dünnem Eis zu wandern. Einerseits große Offenheit für Veränderungen und das Signal, in einer Zeit der unendlichen Möglichkeiten zu leben. Andererseits das Gefühl auch existentieller Unsicherheit, das immer wieder zu Vorsicht mahnt. Auf der einen Seite Lebensfreude und Tatendrang, auf der anderen emotionaler Rückzug und Depression.

Ein zentrales Muster der sechziger und siebziger Jahr war offenbar, in NLP-Sprache ausgedrückt, Polarität, die Koexistenz von Gegensätzen, verkörpert in einer Person, einer Familie und in einer Generation. Doch diese Polarität stellte sich mangels kollektiver Diskurse für die Kriegsenkel als individuelles Dilemma und manchmal auch Versagen dar. Wie assoziiert und unbeschwert in der eigenen Zeit leben und sie genießen, wenn die (Groß-)Eltern das Gespräch über ihre eigene Zeit scheuen? Wie eigene Zukunft kreativ und mutig gestalten, wenn die Umwelt zum Teil in ritualisiertem und sicherheitsorientieren Handeln erstarrt? Wie Lebendigkeit leben mit Menschen, denen manchmal genau diese Lebendigkeit fehlt?

Sowohl mit NLP-Methoden einschließlich der Methode Aufstellungen als auch mit weiteren systemischen Herangehensweisen wird schon seit mehreren Jahrzehnten das Bearbeiten und Verstehen der eigenen Familiengeschichte erfolgreich begleitet. Bodes kollektiver Ansatz stellt darüber hinaus eine wirkungsvolle Reflexionshilfe und Anregung für diejenigen dar, die trotz biographischer Klärungsarbeit als Erwachsene ein diffuses Gefühl mit sich herumtragen, das sie nicht so recht verstehen können. Das Buch liefert viele Anhaltspunkte dafür, wie die eigene Lebensgeschichte im Rahmen des Zeitgeschehens noch einmal neu erzählt werden kann.


Wandel 4.0 gestalten

12. April 2021

Wie geht das – wirksame Veränderung unter den Bedingungen maximaler Unsicherheit? In seinem Buch Change Maker vermittelt der Berater Olaf Hinz kompakt, wie sich das Change Management 4.0 vom klassischen Veränderungs-Management unterscheidet. Sein Transformations-Manual zeigt außerdem, wann welche agilen und systemischen Moderations-Methoden in komplexen Veränderungsprojekten sinnvoll zum Einsatz kommen können.

Das Motto des Buches lautet: „Es gibt kein gutes oder schlechtes, sondern nur wirksames und unwirksames Change Management“. Der bewussten Wahl der Methoden kommt daher ein hoher Stellenwert zu. Hinz gelingt es auf knappem Raum, systemisch-agile von linearen Herangehensweisen plastisch abzugrenzen. Er bietet einen Überblick und eine Kurzeinführung in viele innovative Methoden, die in Zeiten der hohen Komplexität und des schnellen Wandels dazu geeignet sind, die Selbstorganisation in Teams und Organisationen zu fördern.

Wer Transformationen kreativ und unter produktiver Nutzung der damit in der Regel verbundenen Widerstände gestalten möchte, findet zahlreiche Anregungen in diesem Buch. Aber auch die wesentlichen Prinzipien der guten Veränderungsarbeit werden deutlich: Im Zentrum des Wandels sollte immer die Zufriedenheit der Kunden stehen. Zum Erreichen dieses Ziels ist es wesentlich, die Meinungsfindungs- und Entscheidungsprozesse in Teams sowie die Rolle der Führung neu zu organisieren. Dazu unerlässlich ist eine offenen Kommunikation, an der alle teilhaben können. Aber auch neue Entscheidungsmethoden jenseits des Machtworts oder des Mehrheitsentscheids sind gefragt.

Veränderungs-Management 4.0 entwickelt keine Konzepte aus einem Guß, die bei ihrer Fertigstellung angesichts des schnellen Wandels bereits veraltet sein können. Stattdessen bevorzugt es das iterative Arbeiten in Feedbackschleifen und Lernzyklen, wie wir es aus dem agilen Projektmanagement sowie aus dem NLP kennen. Je früher ein Projekt scheitert und je schneller aus den gemachten Fehler gelernt werden kann, umso besser. Nicht Best Practice ist das Ziel, sondern das schnelle Entwickeln von Lösungen, die gut genug sind, um die gewünschten Anforderungen zu erfüllen.

Mit einer 144-Seiten-Lektüre erlernt man nicht das Handwerkszeug des Change-Managers. Aber der Umfang reicht, um die Herausforderungen einer Zeit zu verstehen, die sich durch Globalisierung und Digitalisierung in zunehmendem Tempo transformiert. Wer Veränderungsprozesse moderierend begleiten möchte, erhält darüber hinaus eine Vielzahl an methodischen Ideen.


Neue Coaching-Markt-Studie

17. März 2021

Im Herbst 2020 hat die Machwürth Team International GmbH eine Studie zur Bedeutung und Organisation des Business Coaching in der Personalentwicklung durchgeführt. Anlass war, so der Firmeninhaber Hans-Peter Machwürth, der starke Anstieg der Coachinganfragen in vielen Unternehmen. Coaching gehört inzwischen zu den Basisinstrumenten der Personalentwicklung, wie die Studie bestätigen konnte.

Die Befragung unter 492 Mitarbeitern in Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten ergab, dass 62 Prozent der Coaching-Entscheider die Methode für bereits fest verankert in der Personalentwicklung halten. Potenzielle Coaching-Klienten im Unternehmen sind jedoch nicht im gleichen Maße von diesem hohen Stellenwert überzeugt. Nach wie vor überwiegt in Firmen das Interesse an Einzelcoachings. Für Teamcoaching interessieren sich 47 Prozent der Entscheider, aber nur 33 Prozent der potenziellen Klienten, auch wenn viele Befragte in der Zukunft einen wachsenden Bedarf erkennen.

Die Hauptzielgruppe für Business Coachings sind mittlere Führungskräfte, gefolgt von operativen Führungskräften und Mitgliedern der Geschäftsführung. Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung werden nach wie vor nur in einem sehr geringen Umfang gecoacht. Coachings sind oft Folgemaßnahmen eines Feedback- oder Zielvereinbarungsgesprächs mit Mitarbeitern. Sie werden daher vor allem als individuelle Maßnahmen wahrgenommen.

Das Themenranking im Coaching führt aus Entscheidersicht das Thema Mitarbeiterführung und Mitarbeitersteuerung an, gefolgt vom Konfliktmanagement. Aus Sicht der potenziellen Coachees bedeutsamer ist dagegen das Thema Stressresilienz. Themen wie Gesundheitscoaching, Coaching im Kontext interkulturelle Kompetenzen sowie das Projektmanagement spielen untergeordnete Rollen.

Vor Corona war Coaching vor allem ein Präsenzangebot. Weder Coaching-Plattformen noch Telefon- oder Onlinecoaching nahmen in den Unternehmen einen besonderen Stellenwert ein. Eine schnelle Änderung zeichnet sich jedoch derzeit durch die besondere Konstellation der Homeoffice-Tätigkeit ab. Mit einer Verzahnung der verschiedenen Coaching-Modi ist wohl in den kommenden Jahren zu rechnen.

Wie finden Unternehmen die benötigten Coachs und welche Kriterien sind für die Auswahl wichtig? Zumeist erfolgt der Vorschlag eines bestimmten Coachs durch Personalentwickler, die dabei auf einen internen Coaching-Pool oder auf Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk zurückgreifen. Bevorzugt werden Coachs mit langjähriger Berufserfahrung gewählt. Dabei spielen Referenzen, persönliche Empfehlungen und der Nachweis einer Coaching-Ausbildung ebenfalls eine Rolle. Von geringerer Bedeutung ist die Frage, ob der Coach von Haus aus Psychologe ist oder über eine Zertifizierung verfügt.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Coaching gerade auf einen Funktionswandel zusteuert. Der individuelle Charakter des Coachings wird sich wandeln zu einer Maßnahme der Team- und Organisationsentwicklung. Im Zuge der agilen Bewegung wird sich der Fokus verlagern auf Projektarbeit, Prozessmanagement und Kulturveränderung in Organisationen.


Storytelling als Selbstcoaching-Methode

26. Februar 2021

„Erzähl Dein Leben neu“, heißt Rebecca Vogels Appell in ihrem Buch zum Personal Storytelling. Storytelling ermöglicht nicht nur, den eigenen Lebensweg in attraktiver Verpackung an andere zu kommunizieren. Das bewusste Erzählen der eigenen Geschichte, so Rebecca Vogels, ist auch ein innerlicher Prozess, der „… dir zeigt, wer Du wirklich bist.“ Denn oft leben wir unsere Geschichte so selbstverständlich und kaum hinterfragt, dass wir sie für die Realität an sich halten.

Rebecca Vogels lädt dazu ein, den Wahrheitsgehalt der eigenen Geschichte auf die Probe zu stellen: Welche Perspektive nehme ich ein, wenn ich auf mein Leben schaue? Bin ich ein Verlierer oder ein geborenes Sonntagkind? Wie heißt der rote Faden, der sich durch meinen Werdegang zieht? Erkenne ich Alternativen zu den bisherigen Blickwinkeln auf mein Leben?

Hilfreich ist auch der Blick auf die einzelnen Kapitel der eigenen Geschichte: Welche nehmen viel Raum ein? Welche würde ich gerne umschreiben? Diese Fragen bringen nicht selten auch einen klareren Blick auf die zukünftigen Kapitel im Leben hervor, die wir unbedingt noch schreiben wollen.

Mit einer frischen Perspektive auf den eigenen Lebensweg wird schnell deutlich, welche Motivatoren die eigene Persönlichkeit vorantreiben und welche Visionen unbedingt gelebt werden wollen. Zwar lösen sich nicht unmittelbar alle alten Zweifel auf. Doch im Verlaufe des Storytelling-Prozesses wird so mancher alter Glaubenssatz in Frage gestellt und durch produktivere Gedankengänge ersetzt.

Vogels Ideen und Anregungen zum Personal Storytelling sind praktisch und lebensnah. Ihre eigene Geschichte überfrachtet sie allerdings, indem sie sie zum roten Faden durch die Methode des Geschichtenerzählens einsetzt. Weniger Worte und Wiederholungen hätten dem Buch gut getan.


Mit Haltung führen

15. Januar 2021

Haltung entscheidet. So der Leitgedanke des Unternehmensberaters Martin Permantier. Wer Führung und Unternehmenskultur zukunftsfähig gestalten möchte, kommt an der Entwicklung der eigenen Führungspersönlichkeit und Kommunikationskompetenz nicht vorbei. Denn Haltung als Ausdruck unserer Denkweisen, Werte und Handlungen bestimmt, wie wir die Welt deuten und mit den Herausforderungen des Lebens tagtäglich umgehen. Sie ist, so Permantier, „ein Realitätsfilter, der bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten“ .

Permantiers Ansatz ist nicht neu. Er beruht auf kollektiven Entwicklungsmodellen wie zum Beispiel Graves Value System / Spiral Dynamics, dem integralen Ansatz von Ken Wilber und den Arbeiten von Frédéric Laloux. Permantier ergänzt diese Modelle durch individualpsychologische Entwicklungsmodelle, um einen eigenen Akzent mit seinem Haltungs-Stufenmodell zu setzen. Das Stichwort Haltung wird heute insbesondere in der agilen Arbeitswelt und im Bereich New Work intensiv diskutiert und als Schlüssel für den Erfolg selbstorganisatorisch-autonomer Arbeitsmethoden gewichtet. Permantier setzt diesen Gedanken in ein persönliches Entwicklungs-Programm um.

Haltung, so Permantier, hat mit Reife zu tun. Er benennt sechs verschiedene Reifegrade, von der selbstorientiert-impulsiven Haltung über die gemeinschaftsbestimmt-konformistische, rationalistisch-funktionale, eigenbestimmt-souveräne, relativierend-individualistische bis zur systemisch-autonomen Haltung. Diese Haltungen beschreibt er mit Hilfe typischer Überzeugungen, Werte und Handlungsmuster, sodass Leser sich anhand dieser plastischen Beschreibungen in den verschiedensten Lebenssituationen selbst einschätzen und kritisch hinterfragen können.

Und genau in dieser Plastizität und Anschaulichkeit liegt der Nutzen von Haltung entscheidet. Es ist weniger ein Lese- als vielmehr ein Arbeitsbuch zum Erkunden, Entdecken und bewussten Reiben an Positionen. Wer bereit ist, seine eigenen Standpunkte und ehernen Weisheiten aus der Metaperspektive zu betrachten und zu relativieren, wird flexibler auf den Wandel und die damit einhergehenden persönlichen Veränderungen umgehen können. Aus der grauen, mit schicken Buzzwords aufgemotzen Business-Theorie wird eine Werteorientierung, die im Alltag neue Impulse setzen kann.

Ein weiteres Selbstoptimierungsbuch? Permantier zitiert dazu Hemingway: „Es hat nichts Edles, wenn man seinen Mitmenschen überlegen ist. Wahre Größe liegt darin, seinem früheren Selbst überlegen zu sein.“ Die Welt neu zu fühlen, neu zu sehen, neu zu hören und zu denken ist kein Wettkampf, sondern ein Lebensweg.


Online oder Präsenz: Wo liegt der Unterschied?

1. Dezember 2020

Wie gut sind Online-Trainings? Was genau unterscheidet sie von Präsenz-Trainings? Und welche Besonderheiten prägen die vituelle Trainingswelt? Diese Fragen beschäftigen in diesem Jahr eigentlich alle, die an Trainings teilnehmen oder Trainings geben. Hier ein subjektiver Erfahrungsbericht:

Der größte Unterschied liegt gleich auf der Hand: Ein Online-Training reduziert Reisezeiten und Reisekosten auf Null. In wenigen Sekunden befinden sich die Teilnehmer eines Trainings in einer gemeinsamen Welt. Dieser Sprung gelingt erstaunlich gut, wenn mehrere der Teilnehmenden sich bereits aus der realen Welt kennen.

Kommen die Teilnehmenden jedoch neu auf einer Online-Plattform zusammen, hängt es von der gruppendynamischen Aktivierung des Trainierenden ab, ob sie eine Zuhörergruppe bleiben oder zum Trainingsteam werden. Die Anzahl der schwarzen Fenster spiegelt dann den Umstand, dass so mancher Teilnehmende nicht wirklich in einem gemeinsamen Raum angekommen ist.

Der Aktivierungsgrad der Teilnehmenden hängt allerdings noch von weiteren Faktoren ab. Ein zentraler Faktor ist die gewählte Plattform: Je mehr Partizipation und Bewegungsfreiheit sie erlaubt, umso leichter die Zusammenarbeit. Denn durch die Notwendigkeit zur Vergabe und Beschränkung technischer Optionen wird der Trainer schnell wieder von einem Lernpartner auf Augenhöhe zu einem Frontal-Trainer der alten Schule. Gehört wird dann in der Regel derjenige, der sich am eindeutigsten bemerkbar macht.

Ein weiterer Faktor ist die Zahl der Teilnehmenden. Technisch ist diese Zahl nicht beschränkt. Bei einem interaktiven Trainining, das diesen Namen auch verdient, sollte die Zahl der Teilnehmenden aber nicht höher als im Präsenztraining sein. Etwa zwölf Personen kann der Gastgeber im Blick haben, um individuell auf sie zu reagieren. Verfügt die Veranstaltungsplattform über Breakout Rooms, können es unter bestimmten Voraussetzungen auch mehr Teilnehmende sein. Denn in den Breakout Rooms wir der anonyme Charakter einer Großveranstaltung wieder neutralisiert.

Ein von Teilnehmenden oft hervorgehobener Vorzug von Online-Trainings: Weil äußere Ablenkungen starkt beschränkt werden können, steht das Thema des Trainings stark im Mittelpunkt. Der Wissenszuwachs ist daher groß. Wenn es dem Trainer gelingt, das online vermittelte Wissen dann auch noch mit genügend Erfahrung und Praxis zu verknüpfen, kann das virtuelle Training eine wirkliche Alternative zur Präsenzveranstaltung sein.

Mit welchen Nachteilen müssen Trainer und Trainierende online rechnen? Ein zentraler Faktor ist die Bewegungsarmut. Bewegte Pausen können das zu einem gewissen Grad kompensieren. Aber es bleibt der Umstand, dass Menschen beim Training Stunde um Stunde auf einen fixen Punkt schauen und schnell ermüden. Umso wichtiger ist ein Trainingskonzept mit vielen Abwechslungen und schnellen Inputs. Wie im Präsenztraining, bewährt sich hier natürlich auch die Ansprache möglichst vieler Sinneskanäle.

Ein weiterer Faktor ist der Mangel an informellem Austausch z.B. beim gemeinsamen Pausenplausch oder Mittagessen. Das beeinträchtigt den Kontaktaufbau, aber auch den Informationsfluss im Lernteam. Zu guter Letzt sei auch der Faktor Ablenkung beim Online-Training erwähnt. Denn wer an seinem Sitzplatz nicht die passenden Bedingungen für das Training schafft, kann durch eingehende E-Mails oder häusliche Störfaktoren vom Teilnehmer zum nur beiläufig Zuhörenden werden. Dann bleiben Wissenszuwachs und menschliche Begegnungen im Online-Raum auf der Strecke.


Agile Werte spielerisch integrieren

3. November 2020

Mit Improvisationstheater zur besseren Zusammenarbeit? Diese Idee leuchtet ein. Heißt doch ein zentraler Grundsatz im Improtheater: Immer positiv spielen und Angebote der Spielpartner annehmen. Aber warum ein Buch über agile Werte in Kombination mit Methoden aus dem Improtheater? Was haben beide miteinander zu tun? Lässt sich die agile Wertehaltung mit Impromethoden integrieren?

Agile Werte leben von Robert Wiechmann und Laura Paradiek verdeutlicht, dass wir in einer Zeit des schnellen Wandels auf Werte als Kompass für unsere Selbstorganisation angewiesen sind. Je weniger wir im Außen planen und verlässliche Wege festlegen können, umso wichtiger wird es, innerlich Kurs zu halten und sich ad hoc auf neue Bedingungen einzustellen. Doch eine agile Haltung allein produziert unter Druck nicht automatisch agiles Verhalten. Wenn es stressig wird, greifen schnell die alten Muster, mit denen wir aufgewachsen sind.

Hier kommt das Improtheater ins Spiel. Es liefert eine Bühne für das Training im Umgang mit rasch wechselnden, herausfordernden Situationen. Denn in VUCA-Zeiten wird es schwieriger, sich gezielt und inhaltlich fundiert vorzubereiten. Während klassische Theaterrollen einem genauen Skript folgen, lebt das Rollenspiel im Improtheater von der Bereitschaft, Rollen situativ und flexibel auszukleiden sowie schnell zu wechseln. Mit Theatermethoden lernen wir, auf die Improvisationskompetenzen des „Ichs“ sowie des Teams zu vertrauen und dabei fehlertolerant zu sein.

Welchen Nutzen könnte es auch haben, mitten im Spiel gemeinsam einen Fehler zu analysieren? Viel wichtiger ist, dass sich das Geschehen produktiv entwickelt und auf ein gutes Ende hinsteuert. Im Improtheater gilt daher die Devise „scheiter heiter“. Denn Gram über das Scheitern reduziert nur die für gute Lösungen nötige Spontaneität und Kreativität. Nicht zuletzt helfen Impromethoden, Schritt für Schritt das Vertrauen in die Lösungskompetenzen des „Ichs“ sowie des Teams gezielt aufzubauen.

Agile Werte leben ist nicht originell im Hinblick auf die gewählten Improspiel-Ideen. Doch durch das Einordnen in den agilen Kontext erhalten die vorgestellten Methoden eine neue Tiefe. Ein gutes Buch für alle, die mit Theatermethoden mehr Spaß und (geistige) Bewegung in ihren Teamalltag bringen wollen.


Agil oder systemisch?

13. Oktober 2020

Handelt es sich bei der agilen und der systemischen Bewegung um Trends mit andergeartetem Fokus? Stehen beide vielleicht sogar im Widerspruch zueinander? Oder fußen sie auf der gleichen Grundhaltung, auch wenn sie sich auf unterschiedliche Arbeitsbereiche konzentrieren und über jeweils eigene Methoden verfügen? Und wozu interessieren diese Fragen den systemischen NLP-Coach?

Zunächst zur Agilität. Agil sein möchten die meisten, signalisiert der Begriff doch Tempo, Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit. Im Zentrum der agilen Bewegung steht die Absicht, kreative Produkte schnell, flexibel und kundenorientiert zu erzeugen. Agilität hat ihre Heimat in der Produktentwicklung bzw. im Projektmanagement. In ihrem Umfeld sind Werkzeuge wie beispielsweise Scrum entstanden, die jedoch, richtig verstanden, immer auf einer agilen Haltung fußen.

Diese agile Haltung basiert zum einen auf dem Vertrauen in die Selbstorganisation von Einzelnen und Teams, unterstützt durch anregende Arbeitsbedingungen in einem optimalen Umfeld. Zum anderen setzt sie auf eine persönliche Gesprächskultur mit zeitnahen Feedbackschleifen. Diese Art der kommunikativen Zusammenarbeit sprengt das klassische Wasserfallprinzip in linear-hierarchischen Organisationen. Stattdessen lebt sie verschränkte Führungsrollen und häufige Rollenwechsel, um in einer Welt des schnellen Wandels anpassungsfähig zu bleiben.

Nun zum systemischen Denken, das ebenso wie die agile Haltung nicht mit den Werkzeugen der systemischen Methode gleichgesetzt werden kann. Denn eine systemische Grundhaltung prägt auch Methoden wie zum Beispiel das NLP. Systemisches Denken ist ganzheitlich und nichtlinear. Der Handlungsfokus liegt auf zukunftsorientierten Lösungen anstellen von rückwärtsgewandten Problembetrachtungen. Im Zentrum steht auch hier die Fähigkeit von Einzelnen und Teams zur Selbstorganisation und zur Entwicklung neuer, kreativer, den Lösungsraum erweiternder Sichtweisen.

Allerdings haben sich systemisches Denken und die systemischen Methoden in zunächst eher wirtschaftsfernen Kontexten (weiter-)entwickelt. Im Mittelpunkt stand und steht daher die Persönlichkeits- und Teamentwicklung mit Hilfe vor allem kommunikativer Handwerkszeuge. Der bewusst Einsatz von (Körper-)Sprache und von Fragemethoden zur Anregung der Selbstregulation sind wesentliche Bestandteile der systemischen Vorgehensweisen.

Die Frage lautet also nicht: agil oder systemisch? Vielmehr wird es zukünftig darum gehen, beide methoden Welten gezielt zu verzahnen. Der systemische NLP-Coach beispielsweise kann in agilen Arbeitswelten wertvolle Impulse zur Persönlichkeits- und Teamentwicklung setzen, damit die agile Haltung nicht nur zitiert, sondern auch gelebt werden kann. Agile Techniken wiederum bereichen das Spektrum der systemischen Methoden zur Kommunikation, Perspektiverweiterung, Ideenentwicklung und schnellen Anpassung an die Herausforderungen der Zukunft.

 


Wie beeinflusst uns Sprache?

21. August 2020

NLP, das Neuro-linguistische Programmieren, hebt bereits im Namen hervor, welchen hohen Stellenwert es der Sprache beimisst. Die Sprache, so die NLP-Idee, setzt den Rahmen für unsere Sicht auf die Realität. Ein veränderter Umgang mit Sprache verändert daher auch die wahrgenommene Wirklichkeit. Der Linguist Guy Deutscher zeigt in seine Buch Im Spiegel der Sprache anhand von Sprachvergleichen, warum die Welt in anderen Sprachen tatsächlich anders aussieht.

Deutschers Feststellung: Jeder kann in seiner eigenen Sprache potenziell alles ausdrücken, was er als Idee oder Konzept verstanden hat. Doch jede Sprache verengt oder erweitert durch ihren Wortschatz und ihre Grammatik zugleich die Sicht auf die Welt. Drei spannende Beispiele untersucht Deutscher im Detail: das Deuten von Farben, die Verortung von Dingen und Menschen im Raum sowie der Umgang mit geschlechsspezifischen Sprachhinweisen, womit wir als Deutschsprechende besonders gut vertraut sind.

Zunächst zur Farbe: Noch zu Zeiten Homers war das Farb-Vokabular des Griechischen so begrenzt, dass man im 19. Jahrhundert über eine physiologische Einschränkung des Sehsinns in der Antike spekulierte. Doch heute ist gesichert, dass die Menschen der Antike biologisch genauso differenziert wahrnehmen konnten wie wir. Ihre kulturelle Sicht auf Farben war jedoch reduziert. Erst seitdem Menschen immer mehr Farben selbst herstellen können, wächst die Fähigkeit zur sprachlichen Unterscheidung von Farbnuancen an. Für uns ist das Meer heute (türkis-)blau, jadegrün, schwarz oder braun, während Homer das Meer durchgehend als „weindunkel“ wahrgenommen hat.

Das Beispiel der Verortung zeigt, welche Tragweite die Sprache für Wahrnehmungen haben kann. Die Sprecher der australischen Guugu Yimithirr-Sprache gehen nicht, wie wir es für selbstverständlich halten, egozentrisch vor und beschreiben Menschen, Gegenständen und Landschaften relational zu sich selbst. Stattdessen ordnen sie die Welt um sich nach Himmelsrichtungen: „Du findest die Milchprodukte im Osten des Supermarkts“.

Während wir uns gelegentlich missverstehen, weil wir nicht wissen, aus wessen Sicht die Beschreibung „rechts von“ zu deuten ist, schafft diese Eingeborenensprache eine überpersönliche Klarheit. Ihre Sprecher schulen schon in den ersten sechs Lebensjahren ihre Sinne in einem Ausmaß, das ihnen erlaubt, auch ohne Kompass die Himmelsrichtungen präzise zu bestimmen. Mit dem schrittweisen Aussterben dieser Sprache wurde leider auch das Aussterben dieser Fähigkeit festgestellt.

Nun zu geschlechtsspezifischen Hinweisen in der Sprache: In einem in englischer Sprache durchgeführten Experiment wurden Spanischmuttersprachler und Deutschmuttersprachler gebeten, ihre Assoziationen zu so einfachen Wörten wir „bed“ oder „apple“ zu nennen. Auch auf Englisch beschreiben Spanier Betten („las camas“) und Äpfel („las manzanas“) als ausgesprochen weiblich, während Deutsche dem Bett eher sachliche und dem Apfel eher männliche Qualitäten zuschreiben. Unbewusst hängen ganz offensichtlich unsere Assoziationen von sprachlichen Vorgaben ab. Ohne Zweifel ein gutes Argument für das gendergerechte Sprechen.

Das Fazit für den (Coaching-)Alltag: Die Wirklichkeit ist in den meisten Fällen nicht identisch mit der Sprache, in der wir sie beschreiben. Ein kritisches Überprüfen der Sprache erschließt, ganz im Sinne des NLP, neue Sichten auf die Welt. Mit einer sorgfältig gewählten Sprache fördern wir die Sinneswahrnehmung und schulen uns darin, Perspektivwechsel vorzunehmen. Sprachenlernen, so noch eine Erkenntnis, erweitert enorm den Horizont. Übrigens: Wer gerne Wissenschaftskrimis liest, hat mit der Lektüre diese Buches eine sehr vergnügliche Zeit vor sich.

 

 


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