Den Nerv der Kommunikation treffen

4. April 2019

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Stress kennt jeder, und alle sind inzwischen mit der Stress-Theorie vertraut: Stress entsteht, wenn das Wechselspiel zwischen aktivierendem Sympathikus und beruhigendem Vagusnerv – beide Teile des vegetativen Nervensystems – in Ungleichgewicht gerät. In seinem Buch Der Selbstheilungsnerv zeigt der Körpertherapeut Stanley Rosenberg, wie dabei nicht nur der Körper leidet, sondern auch unsere Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt wird.

Grund genug, als Coach tiefer in die Materie einzudringen. Rosenbergs Ansatz beruht auf der bereits vor der Jahrtausendwende vom Psychiater Stephen Porges entwickelten Polyvagaltheorie. Sie differenziert zwischen hinterem und vorderem Vagus. Der hintere Vagus kann bei Stress eine Art Starre verursachen, die höhere Hirnfunktionen einschränkt. Stress ist also nicht nur, wie traditionell dargestellt, eine sympathische Überaktivierung, sondern auch ein parasympathisches Phänomen.

Der vordere Vagus dagegen sorgt für Entspannung, Kontakt und angepasste Kommunikation. Ist er aktiv, können wir aus den Mustern Kampf, Flucht oder „Todstellreflex“ bzw. „Dichtmachen“ aussteigen. Über ein belastbares Nervensystem zu verfügen bedeutet, aus aktivierten Zuständen des Sympathicus und des hinteren Vagus schnell wieder in einen Zustand der guten Kommunikation mit der Umwelt und der wachen Verarbeitung von Informationen zurückzukehren.

Insgesamt fünf Gehirnnerven, die auch wichtige körperliche Funktionen übernehmen, zählen zum System der sozialen Zuwendung: der V., VII., IX., X. und XI. Hirnnerv bzw. namentlich der Trigeminus- und Faszialisnerv, der Zungen-Rachen-Nerv, der Vagus sowie der Nervus accesssorius, der den Trapezmuskel, den Kopfwender und den Kopfnicker innerviert. Rosenberg zeigt in seinem Buch, wie mit einfachen Körperübungen zur Stimulation dieser Nerven das eigene Kommunikationssystem gut aufgestellt werden kann.

Und was bedeutet das Wissen um unsere sozialen Hirnnerven für den Coach? Mit Hilfe der Nerven der sozialen Zuwendung können wir die körpersprachliche Seite der Kommunikation besser verstehen. Die Nerven für Gesicht, Hals und Schulter haben nicht nur motorische Funktionen. Sie bestimmen mit, wie wir auf andere wirken und wie gut wir in Kontakt treten können. NLP hat diese Dynamik mit den Begriffen Kalibrieren, Rapport und Pacen sowie Leaden erfasst.

Mit Hilfe der Polyvagaltheorie sind wir aber auch in der Lage, depressive Stimmungen, Rückzug, Tatenlosigkeit und geistige Starre als Zeichen von Stress und Traumatisierung besser zu verstehen. Eine entspannende, sichere Umgebung, eine zugewandte Haltung des Coachs und vielleicht eine Körperübung wirken dann manchmal Wunder, um die Fähigkeit zum Austausch wieder in Gang zu bringen. Der Selbstheilungsnerv ist eine weitere Brücke zwischen Körper und Geist, die der Coach zielführend einsetzen kann.


Von allen Ängsten befreit?

28. Februar 2019

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„Ein Großteil aller Traumata, Neurosen, Phobien und Angststörungen kann in weniger als zehn Sitzungen vollständig aufgelöst werden“, so Klaus Bernhardt, Bestsellerautor und selbsternannter Angstexperte. In seinem Buch Panikattacken und andere Angststörungen loswerden verspricht er vollmundig „eine völlig neue Art der Angsttherapie …, die die Verarbeitungsprozesse unseres Gehirns gezielt nutzt.“

Diese neue Therapieform, die laut Klappentext ihren Ursprung in der modernen Hirnforschung finde, habe „… rein gar nichts mehr  mit dem zu tun, was hierzulande als Standard bezeichnet wird“. Der Blick in das Innere des Buches erstaunt dann aber sehr. Bernhardt verwendet Methoden, die seit den siebziger Jahres des letzten Jahrhunderts zu den NLP-Standards gehören, wie wohlgeformte Ziele, VAKOG und Submodalitätenarbeit. Der Hinweis auf NLP bleibt allerdings konsequent aus.

Die genannten NLP-Herangehensweisen sind in der Tat sehr einfach und wirkungsvoll, wie Tausende NLP-Anwender bezeugen können. Darüber hinaus haben sie sich vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der modernen Neurobiologie in der Tat als sehr gehirngerecht erweisen. Die von Bernhardt versprochene Revolutionierung der therapeutischen Vorgehensweisen löst er jedoch mit keiner der vorgestellten Methoden ein.

Offenbar suchen viele Menschen mit Ängsten nach einem Rettungsanker, den sie entweder bei den etablierten Methoden nicht suchen oder vielleicht dort auch nicht finden. Da reichen dann offenbar ein paar hippe Buzzwords wie Hirnforschung, Embodiment und neuronale Plastizität sowie einige entliehene Vorgehensweisen unter neuem Namen, um eine Bewegung loszutreten.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die neueste Medizin jeweils am besten wirkt. Bernhardt bedient dieses Bedürfnis offenbar perfekt. Warum nicht an dieser Stelle von ihm lernen und bewährte Konzepte so ansprechend und anregend präsentieren, dass ihr Nutzen von Betroffenen leicht erkannt werden kann?


Coaching in Zahlen

29. Januar 2019

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Geht man von der Popularität und Verbreitung des Begriffs aus, könnte man glauben, dass Coaching in Deutschland bereits zu einer Standard-Dienstleistung für Menschen aller Berufe und Hierarchieebenen geworden ist. Stimmt dieser Eindruck? Welchen Stellenwert nimmt Coaching inzwischen im Gesamtportfolio des Beratermarkts ein? Wie entwickeln sich Coaching-Markt und -Preise? Welche Trends zeichnen sich ab?

Tatsächlich ist der deutsche Coaching-Markt nach dem US-amerikanischen und britischen der drittgrößte Markt für Coaching-Dienstleistungen weltweit. Als Instrument der Personalentwicklung hat sich Coaching in Deutschland hierarchieübergreifend fest etabliert. Der Schwerpunkt im Business Coaching liegt jedoch nach wie vor beim gehobenen und mittleren Management. Allerdings zeichnet sich ab, dass Coaching zunehmend von öffentlichen Einrichtungen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen angefragt wird, die über 80 Prozent der deutsche Arbeitsplätze bieten. Zudem gibt es Indizien dafür, dass sich der Privatkundenmarkt ausweitet.

Von einem weiteren Wachstum ist daher derzeit auszugehen. Zumal der Marktanteil von Coaching, gemessen am Gesamtvolumen des deutschen Beratermarkts im Umfang von 31,5 Mrd. Euro im Jahr 2018 (Facts & Figures zum Beratermarkt 2018 vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V.), nach wie vor noch ausbaufähig ist. Da keine aktuellen Zahlen vorliegen, sei hier zum Vergleich der Coaching-Umsatz aus dem Jahre 2013 im Umfang von etwa 450 Mio. Euro genannt (Quelle: 3. Marburger Coaching-Studie 2013, Philipps-Universität Marburg).

Der deutsche Coaching-Markt ist geprägt durch Einzelanbieter, die mehrheitlich freiberuflich tätig sind. Allerdings leben weniger als 10 Prozent der Coachs nur von  Coaching. Coaching ist ein Zusatzgeschäft. Denn ein Coach begleitete 2017 im Mittel nicht mehr als 24 Coaching-Prozesse im Umfang von 12,3 Stunden (Quelle: Coaching-Umfrage, Jörg Middendorf). Durchschnittlich erwirtschaftete er im Geschäftskundenbereich pro Stunde 181,67 Euro, im Privatkundenbereich durchschnittlich 126,30 Euro. Am wenigsten rechnen nebenberufliche Coachs ab, am meisten institutionelle Anbieter. Die Honorarhöhe hängt aber auch von der Erfahrung und vom Alter des Coachs ab. Auch die Spezialisierung auf die Zielgruppe Executives zahlt sich, wie viele Untersuchungen bestätigen, finanziell aus.

Die hohen menschlichen Anforderungen des schnellen Wandels in Wirtschaft und Lebenswelt sind in wachsendem Maße ein Motor für die Inanspruchnahme der Dienstleistung Coaching. Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen inzwischen Coaching nicht mehr aus einer defizit-, sondern lösungsorientierte Perspektive betrachten und es zunehmend proaktiv einsetzen. Beispielsweise sind in agilen Unternehmen und Unternehmens-Einheiten Teams auf die Begleitung eines in- oder externen Coachs als Teil der Methode angewiesen.


Emotionen konstruieren

9. Januar 2019

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Spätestens seit Paul Ekmans Gefühle lesen (2003/2004) galten in der Psychologie Emotionen und ihr mimischer Ausdruck als universal. In seinem Buch hatte Ekman das Facial Action Coding System (FACS) vorgestellt, ein kulturunabhängiges Lexikon für Mimik, das sieben Basisemotionen, unter anderem Trauer und Freude, identifiziert. Doch mit Lisa Feldman Barretts bislang noch nicht auf Deutsch verfügbarem Werk How Emotions Are Made (2017) ist die Grundlage dieses Modell ins Wanken geraten.

Denn Feldman Barrett zeigt, dass die These von einer biologischen Grundausstattung an Emotionen nicht haltbar ist. Stattdessen hält sie Emotionen für mentale Konstrukte, die in der Auseinandersetzung des Menschen mit seinen eigenen inneren Wahrnehmungen und Körpergefühlen sowie mit seiner Umwelt und Kultur entstanden sind. „Emotions are not reactions to the world. You are not a passive receiver of sensory input but an active constructor of your emotions.“

Da im Alltag Emotionen, wie beispielsweise Ärger, mit großer Macht auf uns einzuwirken scheinen, leben wir mit der Idee, nur wenig Einfluss auf sie nehmen zu können. Wenn Emotionen aber nicht biologisch fixiert, sondern mental konstruiert sind, unterscheiden sie sich nicht von Kognitionen. Kognitionen bündeln kulturelles und individuelles Erfahrungswissen in Konzepten und Begriffen. Durch Akte des bewussten Wahrnehmens und Denkens sind sie jederzeit wandelbar.

Wenn wir Emotionen nicht als biologische, sondern als soziale Realität betrachten, können wir auch besser verstehen, wie Coaching wirkt. Coaching bietet einen Raum, in dem Menschen ihre emotionalen Konstrukte, wie beispielsweise Wut, Frustration oder Angst, überprüfen und auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungen aktualisieren können. Wer seine emotionalen Konzepte verändert, verändert auch seine Realität.


Mit dem Tastsinn fängt alles an

11. Dezember 2018

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Schon seit über einem Jahrzehnt hat die Embodiment-Forschung, spezialisiert auf die Wechselwirkungen von Körper und Geist, die zentrale Bedeutung des Fühlsinns und der Emotionen für unser Denken untersucht. In den letzten Jahres ist nun auch die Rolle der Haptik in den Blick der Forschung gerückt. Mit Homo Hapticus zeigt der Psychologe Martin Grunwald, dass es sich beim Tastsinn um eine Art biologische Ursprache handelt, ohne die wir nicht leben können.

Grunwald, Leiter des Leipziger Haptik-Forschungslabors für Hirnforschung und Pionier in der Haptikforschung, hat sich zum Ziel gesetzt, der seiner Auffassung nach mit der Überbewertung des Sehsinns einhergehenden „Nichtbeachtung“ des Tastsinns in Psychologie und Medizin entgegenzuwirken. Auch für den Coach ist das Wissen um die Rolle des Tastsinns von einiger Tragweite, hängt doch das „gefühlte Selbstbild“ des Menschen, sein Körperschema, von ausreichendem Körperkontakt und der Nähe zu anderen Menschen ab. Denn, so die Haptikforschung, „gut gedeiht, wer Nähe spürt.“

Der Tastsinn ist auch elementar zum Verständnis von Sprache. Der „Begriff“, formuliert Grunwald, kommt von „Begreifen“. Über den Tastsinn entwickeln Menschen nicht nur das motorische und sensorische System. Der Tastsinn schafft auch die Grundlagen für Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. Wer als Kind wenig Berührung genießt und überdies eindimensional visuell-auditiven Reizen ausgesetzt ist, kann nicht sein volles Lern- und Sprachvermögen entwickeln und die Welt physisch wie körperlich begreifen.

Digitalen Lern- und Anwendungsangeboten ermangelt es leider an genau den haptischen Qualitäten, auf die insbesondere junge Gehirne angewiesen sind. Nicht von ungefährt ist daher ausgerechnet im IT-Projektmanagement die Entwicklung eines Gegentrends zur Digitalisierung zu beobachten. Anstelle elektronischer Medien nutzt man dort wieder zunehmend handgeschriebene Kladden sowie physische Whiteboards und Papier-PostIts, um kreative Prozesse anzustoßen und sich zu organisieren.

Für den sinnes- und körperspracheorientierten NLP-Coach ist Grunwalds Buch eine spannende Grundlagenlektüre zum Verständnis der haptischen Seite der Kinästhetik. Vielleicht liefert es auch die ein oder andere Anregung zur Umgestaltung der Coaching-Atmosphäre: Weiche Stühle beispielsweise, so Grunwald, machen Menschen tendenziell empathischer und entspannter, während Menschen auf harten Stühlen eher zu starren Positionen neigen.


Coaching als Denkpartnerschaft

15. November 2018

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Mit Time to Think hat Nancy Kline, Trainerin und Coach aus den USA, bereits 2015 die Macht des unabhängigen Denkens hervorgehoben und Räume eingefordert, in denen freies Denken kultiviert werden kann. Marion Miketta, Trainerin und Coach aus Berlin, hat mit Thinking Environment nun einen Leitfaden veröffentlicht, der typische Anwendungskontexte aufzeigt. Besonders interessant für den Coach: Der Coachingraum als als Ort einer Denkpartnerschaft.

In unserer tool-getriebenen Zeit erinnert Miketta daran, dass Coaching sich als dienende Profession versteht. Der Kutscher bzw. Coach begreift sich als Steuermann eines Vehikels bzw. Denkprozesses, der den Klient zum Erreichen seiner selbstgesetzten Ziele führt. Mit seiner Haltung und seinen Methoden erschafft der Coach eine Atmosphäre außerhalb des Alltags, in der schöpferische Ideen wieder Platz finden können.

Die Aufgabe des Coachs ist daher nicht das Zuhören, um zu reagieren oder Tools anzuwenden. Stattdessen geht es um das Zuhören als gelebte Achtsamkeitspraxis. Die Präsenz des Coachs im Hier und Jetzt erlaubt es dem Klienten, vertrauensvoll dem eigenen Gedankenstrang zu folgen und diesen selbsttätig weiterzuentwickeln. Durch seinen Aufmerksamkeitsfokus auf den Klienten erschafft der Coach den Denkraum, den der Klient in anderen Kontexten oft vermisst.

Aber auch in einem Thinking Environment stellt der Coach aktiv Fragen, um seine Rolle als Denkpartner auszufüllen. Seine Fragen thematisieren vor allem die Annahmen des Klienten, die einer Lösung im Wege stehen. Leitgedanke des Coachs ist es, mit jedweder Frage Öffnung zu schaffen, anstatt kategorisierende und bewertende „Schubladen“ zu erzeugen. Für den systemischen NLP-Coach bietet das Coaching in Form des Denkzirkels daher sehr wertvoller Anregungen.

Ein großer Nachteil des Buches sollte jedoch auch nicht unerwähnt bleiben: Mit der offensiven Art, mitten im Fachtext auf ihre Seminare und Ausbildungen zu verweisen, erzeugt Marion Miketta einen faden Beigeschmack.


Der Coach als Modell für Führungskräfte

8. Oktober 2018

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Es heißt, die Menschenführung sei eine Kunst. Die Kunst, Entwicklungsprozesse zu gestalten, können Führungskräfte, wie der Coach und Trainer Hans-Georg Huber zeigt, gezielt von Coachs erlernen. Denn die Erfolgsfaktoren in Coaching, Führung und Prozessbegleitung unterscheiden sich nur unwesentlich. Führungskräfte bewegen sich lediglich in einem anderen „Rollenkorridor“ als Trainer, Prozessbegleiter und Coachs.

Hubers Leistung sowohl für Führungskräfte als auch für Coachs: Er thematisiert nicht das Handwerkszeug, sondern die passende Haltung. Ihm geht es nicht um einen Handlungsleitfaden, sondern darum, die Wirkfaktoren unterhalb der sichtbaren Oberfläche hervorzuheben. Die eigene Persönlichkeit betrachtet Huber als die „Kernressource“ der Führung. Wer Menschen bewegen möchte, braucht zuallererst die innere Bereitschaft, sich auf andere und ihre Emotionen einzuschwingen. Auch ein vertieftes Verständnis für die Bedeutung der Körpersprache gehört für ihn dazu.

Als wichtigsten Erfolgsfaktor in der Menschenführung hebt Huber die persönliche Flexibilität hervor. Denn nicht sachlich vorgegebene Rahmen und Inhalte entscheiden über das Vorgehen. Vielmehr geht es in der Menschenführung darum, eine individuelle Prozessdynamik zu entwickeln, mit der die betroffenen Menschen in Resonanz gehen können. Denn nur so wird die Energie freigesetzt, die für Veränderungsprozesse nötig ist. Der Zugriff auf eine große Toolbox spielt erst in zweiter Linie eine Rolle.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Fähigkeit, die passende Veränderungstiefe anzusteuern. Schnelle, allerdings oft nicht nachhaltige Veränderungen lassen sich auf der bewussten Verstandesebene erzielen. Tiefgreifende Veränderungen erfolgen aber, wie Huber in Anlehnung an das Modell der Logischen Ebenen des NLP-Lehrers Robert Dilts betont, auf der vorbewussten Ebene der Haltung. Hier gilt es für Führungskräfte sowie Coachs, die Identität, die Werte und Glaubenssätze der Menschen zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Nicht zuletzt kommt es sowohl für Führungskräfte als auch Coachs darauf an, lösungsorientiert vorzugehen. Leitbilder, Visionen und Ziele erzeugen eine positive „Spannung zwischen IST und SOLL“. Sie setzen damit die Motivation frei, auf die Menschen zur zukunftsorientierten Veränderung angewiesen sind.

Das Buch unterstützt natürlich nicht nur Führungskräften beim Modellieren von Coach-Qualitäten. Coachs und Prozessbegleiter lernen von Hans-Georg Huber insbesondere, wie sie die Kunst, Entwicklungsprozesse zu gestalten, bereits bei der Auftragsklärung bewusst zum Einsatz bringen können.


Ist Coaching weltanschaulich neutral?

18. September 2018

Mann mit Handy

Der Respekt vor den Weltmodellen anderer Menschen ist eine der Säulen des Coaching-Berufs. Zu den ethischen Kompetenzen eines Coachs zählt es, sich in der Ausübung seines Berufs allparteilich bzw. neutral zu verhalten. Verurteilt er die Weltsichten seiner Klienten, untergräbt der Coach sein eigenes Ziel, die wirkungsvolle Anregung zur Selbstführung.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die Coaching-Methode selbst als weltanschaulich neutral gelten darf? Eindeutig nein. Denn die Coaching-Methode setzt ein auf Gleichheit, Pluralismus und Selbstbestimmung beruhendes Weltverständnis voraus. Sie steht in der Tradition der humanistischen Psychologie, die den Menschen ganzheitlich als Körper-Seele-Geist-Einheit betrachtet. Coaching betont daher die Wachstumspotenziale des Menschen und sein Recht zum Streben nach sinnhafter, werteorientierter Selbstverwirklichung.

Eine weitere zentrale Säule des Coachings ist der Konstruktivismus. Er zeigt auf, dass das menschliche Welterleben auf einem konstruktiven Akt beruht. Menschen erschaffen Weltbilder in Form mentaler Landkarten, die kommunikativ veränderbar sind. Doch der konstruktive Charakter menschlicher Weltbilder liefert keine Ausrede für ethische Beliebigkeit. Weltsichten, die die Würde und das Selbstbestimmungsrecht in Frage stellen, zerstören auch die Erfolgsbedingungen für Coaching.

Coaching gedeiht und wirkt daher nur in einem Umfeld der Toleranz und gegenseitigen Akzeptanz. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft lebt es vom Miteinander anstelle vom Gegeneinander. Coaching braucht und fördert eine dialogorientierte Kommunikationskultur anstelle des polarisierenden Schlagabtauschs. Für Coachs gilt es aus diesem Grund, Farbe zu bekennen, wenn in ihrem Umfeld diese Werte in Frage gestellt sind.


Immer noch defizitorientiertes Coaching

24. August 2018

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Coaching ist lösungsorientiert. Es lebt davon, Ziele anzustreben und neue Wirklichkeiten zu realisieren. Doch immer noch gibt es Organisationen, die sich bei der Entscheidung für Coaching von defizitorientierten Denkmodellen leiten lassen. Sie setzen es ein, um wieder Normalkurs herzustellen und Mängel zu kompensieren.

Zwar steht am Ausgangspunkt vieler Coachings ein Problem oder eine Herausforderung. Doch der Fokus der Methode liegt nicht auf der Problembeseitung, sondern der langfristigen Entwicklung neuer Zukunftsbilder, Ressourcen, Fähigkeiten und produktiver Strategien. So sehen es laut der jüngsten Xing Coaches & Trainer-Befragung unter Personalern offenbar auch viele Führungskräfte, die sich proaktiv coachen lassen. Denn mehrheitlich entscheiden sich aus eigener Motivation für das Coaching.

Dem gegenüber steht jedoch auch eine hohe Anzahl von Problemkandidaten-Coachings. Über 44 Prozent der in Organisationen Gecoachten zählen laut Studie zu den Kandidaten mit besonderem Bedarf. Hinzu kommt, dass das Thema Konfliktbewältigung als  zweitwichtigstes Coaching-Thema in Organisationen gilt. Coaching ist in beiden Fällen dann offensichtlich das noch verbleibende Mittel der Wahl. Umgekeht spiegeln die fast 30 Prozent der Personaler, die Coaching als nicht notwendig bewerten, damit offenbar den guten Zustand in ihrem Unternehmen.

Das defizitorientierte Verständnis von Coaching lebt also zulasten der innovativen, die Selbststeuerung stärkenden Persönlichkeits- und Teamentwicklung fort. Aus der Warte eines systemischen NLP-Coachs wird mit dieser Betrachtungsweise nicht nur der Kern der Coaching-Idee verfehlt: die Stärkung von Zukunftsorientierung, Lösungskompetenz und Eigenverantwortlichkeit. Es wir auch ein falscher Erwartungshorizont aufgebaut. Denn der Erfolgsmaßstab für ein defizitorientiertes Coaching orientiert sich an der Vergangenheit und/oder einem eigentlich fiktiven Normalzustand.

Aus systemischer Warte ist aber die das Coaching veranlassende Störung in der Regel ein Hinweis darauf, dass genau dieser Normalzustand selbst problematisch geworden ist. Vielleicht, weil sich Strukturen überlebt oder Anforderungen gewandelt haben, vielleicht aber auch, weil Führungsstrategien neben kurzfristigen auch mittel- und langfristige, nicht immer absehbare Folgen haben.

Coach und Klient geraten dann schnell in ein Dilemma, weil das Coaching aus der Warte der Auftraggeber nicht mehr ergebnisoffen ist. Ist der Coach sich dieser Situation und seiner Rolle in diesem Setting nicht bewusst, kann auch er in den Modus der Defizitbeseitigung verfallen und damit die Rolle des Coachees als Problemkandidaten stabilieren. Weder der Klient, noch seine Organisation haben dann langfristig gewonnen. Aber auch der Coach hat seine Rolle als Entwickler verfehlt und hinterlässt mit seinem Coaching keine zukunftsorientierten Spuren.


Agil oder Coaching?

12. Juli 2018

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Was ist eigentlich Agiles Coaching? Dieser Frage widmet sich die Projektcoachin und agile Beraterin Judith Andresen in ihrem Buch über die „neue Art, Teams zum Erfolg zu führen“. Doch wirklich neu ist diese Art nicht, denn die am Gedanken der Selbstorganisation ausgerichtete Grundhaltung des agilen Coachs ist aus der seit über dreißig Jahren lebendigen systemischen Coaching-Welt entlehnt. Agiles Coaching markiert lediglich den Übertrag des Selbstorganisations-Prinzips in das Projektmanagement.

Im engeren Sinne versteht man unter einem agilen Coach einen Scrum Coach bzw. Scrum Master, der die selbstorganisatorische Projektmanagement-Methode Scrum im Team einführt und den Entwicklungsprozess des Teams begleitet. Im weiteren Sinne ist inzwischen ein agiler Coach jeder Coach im Projektmanagement, der selbstorganisatorische Prozesse befördert und den Teammitgliedern zur Seite steht. „Agilität“, so der Berater Michael Mayer, „ist die natürliche Fähigkeit eines jeden Menschen, sich flexibel an geänderte Umweltbedingungen anzupassen ….. Agilität geht einher mit dem Vertrauen, zukünftige Herausforderungen, Ziele und Probleme mit den eigenen Ressourcen bewältigen zu können.“

Anstatt also zu beraten, entwicklt der agile Coach die Selbstführungskompetenz des Teams sowie der Temamitglieder und bietet Raum für deren Selbstreflexion. Zu diesem Zweck nutzt er neben agilen selbstorganisatorischen Projektmanagement-Tools Werkzeuge des systemischen Coachings. Dazu gehören lösungs- und ressourceorientierte Fragen ebenso wie Perspektivwechsel und paradoxe Interventionen. Judith Andresen stellt darüber hinaus alle gängigen Modelle aus Kommunikationsschulungen wie zum Beispiel die Vier Seiten einer Nachricht von Schulz von Thun oder das Teamphasenmodell von Tuckman vor.

Das Aufgabenspektrum des agilen Coachs reicht jedoch über das des klassischen Coachs hinaus: So kann er als Trainer passende Tools und Inhalte vermitteln und als von Anderson so genannter Sekundärberater mögliche Lösungsoptionen aufzeigen. Als Moderator oder Facilitator hilft der agile Coachs Teams bei der produktiven sowie Kreativität fördernden Kommunikation und beim Auflösen von Konflikten. Als Mentor dient er anderen als Rollenmodell. Voraussetzung für diesen Rollenwechsel ist jedoch in jedem Fall das klare Markieren des Wechsels von der Rolle des Coachs in die andere Funktion.

Agil oder Coaching? Sieht man von projektmanagementspezifischen Besonderheiten und ein paar neuen Tools ab, gibt es aus der Warte des systemischen NLP-Coachs keinen Unterschied.


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