Entwickeln sich Introvertierte anders?

4. Oktober 2017

Mit Leise Menschen – gutes Leben. Das Entwicklungsbuch für introvertierte Persönlichkeiten hat die Speakterin, Coachin und Trainerin Sylvia Löhken ihr viertes Buch zur Introversion veröffentlicht. Es zeigt Wege auf, mit deren Hilfe Introvertierte ihre Stärken erkennen und typische Hürden überwinden lernen können. Doch was bedeutet „typisch“, wenn fünfzig Prozent aller Menschen in die Kategorie introvertiert fallen? Löhken gelingt es sehr anschaulich, „leisen“ Menschen Mut zuzusprechen und sie zu neuem Handeln zu motivieren. Aber sind alle Leisen wirklich introvertiert?  

Der große Zuspruch, den die Introvertierten-Literatur erfährt, verweist jedenfalls auf ein tiefes Bedürfnis vieler Menschen, sich ihre Zurückhaltung und ihr Leisetreten zu erklären. Der Verweis auf neurobiologische Unterschiede zwischen Intros und Extros gleich zu Beginn von Löhkens Entwicklungsbuch liefert ein Modell, das Klarheit schafft. Aber hilft es leisen Menschen auch bei Veränderungsschritten, ihr stilleres Auftreten als biologische Gegebenheit zu akzeptieren? Die positiven Resonanzen auf Löhkens Bücher legen das nah.

Aus der Perspektive eines systemisch-lösungsorientierten Coachs könnte es allerdings entwicklungsfördernder sein, die grobe Schablone Introversion zu differenzieren und zu individualisieren. So zählt beispielsweise nur ein Teil der Introvertierten tatsächlich zu den analytischen Denkern, die gerne sachlich-rational an Themen herangehen. Dem gegenüber stehen viele Introvertierte, die eher gefühlsorientiert-emotional auf ihre Umwelt reagieren. Auch wenn beiden der leise Auftritt gemeinsam ist, so unterscheiden sie sich doch beträchtlich in ihren Potenzialen und Problemen.

So mancher Leise ist auch gar kein Intro im Sinne von Löhkens Definition. Stattdessen halten ihn in seinem Umfeld erworbene Glaubenssätze und Werte zurück, seine eher extrovertierte Natur zu leben. Hier zeigt sich, dass Introvertiertheit nicht nur ein Naturell, sondern auch eine selbstbestimmt veränderbare Verhaltens- und Deutungsoption sein kann. 

Sylvia Löhkens Tipps und Entwicklungshinweise können für jeden nützlich sein. Ein gelungenes, erfülltes, authenisches Leben hängt nicht von Intro- oder Extrovertiertheit ab. Aber vielleicht trägt ja die Stärkung introvertierter Qualitäten zur Erschütterung des in der Kultur verankerten Glaubenssatzes bei, dass Erfolg eine eher extrovertierte Qualität sei.

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