Archive for the 'Coach & Coaching-Methoden' Category

Online-Coaching-Qualität erzeugen

15. Oktober 2021

Online-Coaching gibt es schon viele Jahre. Doch ein breites Interesse an Online-Coaching-Methoden hat erst die Corona-Pandemie gebracht. Denn viele Coachs konnten sich bis zu diesem Punkt nicht vorstellen, mit den reduzierten Möglichkeiten des Bildschirms optimal auf Klientenanliegen einzugehen. Vor allem die eingeschränkte körpersprachliche Wahrnehmung erschien ihnen als relevantes Hindernis. Das frisch auf den Markt gekommene Praxisbuch Online-Coaching von Cora Besser-Siegmund et. al. stellt daher den sogenannte Humanonline-Faktor in den Mittelpunkt.

„Humanonline“ im Sinne der Autoren bedeutet, Klienten über körpersprachliche Inputs und Signale so zu mobilisieren, dass sie Verbindungen mit ihren Neuroressourcen herstellen können. Ohne diese Mobilisierung findet zwar auch ein Austausch von Worten und Ideen zwischen Klient und Coach statt. Der neurologische Aktivierungsgrad diese Kommunikation und die damit verbundene Langzeitaktivierung ist jedoch gering. Die Autoren empfehlen Online-Coachs vor allem, Bewegung in das Online-Coaching einzubauen sowie die von ihnen beschriebenen Open Mind Helper einzusetzen.

Open Mind Helper sind zum einen die bewussten Augenbewegungen, wie sie im wingwave-Coaching genutzt werden. Zum anderen gehören zum Beispiel Klopfübungen wie die Vagus-Stimulation mittels eines leichten Beklopfens des Brustbeins dazu. Bei allen Aktivitäten sollte die Kamera so eingestellt sein, dass die Kopf-, Schulter- und Armbewegungen des Klienten gut zu sehen sind. Es bewährt sich außerdem beim Online-Coaching, den Handlungsrahmen über den Bildschirmrand hinaus bewusst zu erweitern. Wenn Coachs zum Beispiel bewusste Augenbewegungen zur Ressourcenförderung einsetzen, dann helfen Klebepunkte im Raum des Klienten, das Blickfeld weiträumig zu öffnen.

Aber auch die Wahl der Sprache entscheidet mit darüber, ob Klienten am Bildschirm optimal involviert werden können. Wird Sprache gezielt eingesetzt, lassen sich online die gleichen Effekte erzielen wie in Präsenz. Das gilt für das Erzeugen von Trance bzw. das Durchführen von Hypnosen. Das gilt ebenso für alle Fragemethoden sowie Reframings und die Nutzung von Ankerwörter und anderen Buzzwords zur Aktivierung.

In die Sprache des erfahrenden NLP-Coachs übersetzt, bietet das Praxisbuch Online-Coaching allerdings nicht allzu viel Neues. Denn selbstverständlich ist „humanonline“ nur eine neue Umschreibung für Pacing und Rapport. Und auch viele Ideen speisen sich aus dem aus der analogen Arbeit bekannten Dienstleistungsspektrum der Autoren. Doch wer sich für die neurobiologischen Hintergründe von Coaching-Techniken interessiert, finde in diesem Buch viele aktuelle Anregungen.

Coaching in Corona-Zeiten

8. September 2021

Die Rauen Coaching-Marktanalyse 2021 untersucht auf der Basis von 351 befragten Coachs die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr nicht zuletzt durch die besonderen Umstände der Pandemie ergeben haben. Die wesentlichste Verschiebung ist bei den Coaching-Formaten zu verzeichnen: Fanden 2019/20 nur 7,7 % aller Coachings im Videokonferenz-Format statt, sind es nun 37,11 %. Dazu passt, dass im Mittelpunkt von 41 % aller Fortbildungen der Coachs das Thema virtuelle Beratung stand.

Und wie hat sich die wirtschaftliche Situation der Coachs unter Pandemiebedingungen entwickelt? Hier gibt es keine einheitliche Aussage. Besonders erfahrene Coachs mit über 15 Jahren Berufspraxis haben eher Einbußen zu verzeichnen, sowohl im Volumen als auch im durchschnittlichen Preis für eine Coaching-Stunde. Coachs mit weniger Erfahrung konnten sich, so die Vermutung, schneller an die Situation anpassen und den Coaching-Anteil an ihrem (allerdings gesunkenen) Einkommen steigern. Auch der durchschnittliche Preis für eine Coaching-Stunde erhöhte sich bei ihnen.

Am besten bewältigt haben die Krise Solo-Selbstständige mit eigenen Mitarbeitern, während Solo-Selbstständige ohne Mitarbeiter deutliche Einbußen hinnehmen mussten. Interessanterweise trägt die Mitgliedschaft in einem Verband zur wirtschaftlichen Stabilität bei. Im Verband organisierte Coachs schneiden gerade beim Coaching-Anteil des Einkommens besser ab als die Coachs ohne eine Verbandmitgliedschaft. Wirtschaftlich weitgehend stabil war die Lage der internen Coachs, deren Anteil sich aber nur auf 2,85 % des Coaching-Markts beschränkt. Bezogen auf die Geschlechter stellt die Studie übrigens bei den Einkommenseinbußen keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen fest.

Viele weitere Zahlen bleiben fast unverändert: Coachs sind mehrheitlich weiblich (62,68 %), zu 85,19 % akademisch gebildet und im Durchschnitt etwa 53 Jahre alt. Die Studienteilnehmer verfügen im Mittel über fast dreizehn Jahre Erfahrung als Coachs und insgesamt das Doppelte an Berufsjahren. Auffällig ist, dass Coachs im Durchschnitt über 13,92 Jahre Erfahrung als Führungskraft sammeln konnten. Dieser Führungsbackground scheint ein wichtiges Plus für die Fähigkeit, sich am Coaching-Markt zu bewähren.

Die Studie hat auch untersucht, wie Coachs für ihr Angebot werben. Nach wie vor ist die Weiterempfehlung der wichtigster Faktor für den Erfolg (15,19 %), gefolgt von der Spezialisierung (7,94 %) und dem persönlichen Kontakt vor einem Coaching (7,69 %). Coachs nutzen neben Aktivitäten wie Vorträgen, Lehraufträgen, Publishing-Aktvitäten und Datenbankeinträgen vor allem Marketing-Instrumente wie die Warmakquise bei Bestandskunden, die eigene Homepage und Social Media-Aktivitäten. Am erfolgreichsten ist offensichtlich die Warmakquise, direkt gefolgt von Aktivitäten auf der Plattform LinkedIn.

Kollektive Muster erkennen

30. April 2021

NLP-Methoden helfen, die für die eigene Persönlichkeit nicht zielführenden Muster zu transformieren. Weil Denk- und Handlungsmuster sowie die damit verbundenen Gefühle aber nicht nur über eine biographische, sondern auch eine kollektiv-gesellschaftliche Dimension verfügen, bleiben einige Themen lange verdeckt. Das Buch Kriegsenkel von Sabine Bode, bereits 2009 erschienen, liefert denjenigen einen Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis, die in den sechziger und siebziger Jahren in Deutschland aufgewachsen sind.

Wir alle kennen das Phänomen, dass aus Schuld, Selbstschutz, Scham und Überforderung Erlebnisse und Themen sowie die damit verbundenen Emotionen beiseite gelegt werden. So sind die Kriegskinder in Deutschland mit lautem Schweigen und einem hohen Anspruch an Disziplin und Leistung herangezogen worden. Weder konnten oder wollten die Eltern ihre Erlebnisse emotional beleuchten, noch gab es Raum für Verarbeitung der frühen Leiden der Kinder im Zuge des Kriegsgeschehens oder der Flucht. Der Blick in die Vergangenheit galt als Tabu.

Was aber bedeuten diese Muster für die Nachgeborenen, die Generation der Kriegsenkel, erzogen von Kriegskinder? Aus eigener Erfahrung kenne ich das Phänomen der Doppelbotschaften: Einerseits die kollektive Parole „früher war gestern – heute ist alles anders“. Andererseits das diffuse Gefühl, öfter mal auf dünnem Eis zu wandern. Einerseits große Offenheit für Veränderungen und das Signal, in einer Zeit der unendlichen Möglichkeiten zu leben. Andererseits das Gefühl auch existentieller Unsicherheit, das immer wieder zu Vorsicht mahnt. Auf der einen Seite Lebensfreude und Tatendrang, auf der anderen emotionaler Rückzug und Depression.

Ein zentrales Muster der sechziger und siebziger Jahr war offenbar, in NLP-Sprache ausgedrückt, Polarität, die Koexistenz von Gegensätzen, verkörpert in einer Person, einer Familie und in einer Generation. Doch diese Polarität stellte sich mangels kollektiver Diskurse für die Kriegsenkel als individuelles Dilemma und manchmal auch Versagen dar. Wie assoziiert und unbeschwert in der eigenen Zeit leben und sie genießen, wenn die (Groß-)Eltern das Gespräch über ihre eigene Zeit scheuen? Wie eigene Zukunft kreativ und mutig gestalten, wenn die Umwelt zum Teil in ritualisiertem und sicherheitsorientieren Handeln erstarrt? Wie Lebendigkeit leben mit Menschen, denen manchmal genau diese Lebendigkeit fehlt?

Sowohl mit NLP-Methoden einschließlich der Methode Aufstellungen als auch mit weiteren systemischen Herangehensweisen wird schon seit mehreren Jahrzehnten das Bearbeiten und Verstehen der eigenen Familiengeschichte erfolgreich begleitet. Bodes kollektiver Ansatz stellt darüber hinaus eine wirkungsvolle Reflexionshilfe und Anregung für diejenigen dar, die trotz biographischer Klärungsarbeit als Erwachsene ein diffuses Gefühl mit sich herumtragen, das sie nicht so recht verstehen können. Das Buch liefert viele Anhaltspunkte dafür, wie die eigene Lebensgeschichte im Rahmen des Zeitgeschehens noch einmal neu erzählt werden kann.

Neue Coaching-Markt-Studie

17. März 2021

Im Herbst 2020 hat die Machwürth Team International GmbH eine Studie zur Bedeutung und Organisation des Business Coaching in der Personalentwicklung durchgeführt. Anlass war, so der Firmeninhaber Hans-Peter Machwürth, der starke Anstieg der Coachinganfragen in vielen Unternehmen. Coaching gehört inzwischen zu den Basisinstrumenten der Personalentwicklung, wie die Studie bestätigen konnte.

Die Befragung unter 492 Mitarbeitern in Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten ergab, dass 62 Prozent der Coaching-Entscheider die Methode für bereits fest verankert in der Personalentwicklung halten. Potenzielle Coaching-Klienten im Unternehmen sind jedoch nicht im gleichen Maße von diesem hohen Stellenwert überzeugt. Nach wie vor überwiegt in Firmen das Interesse an Einzelcoachings. Für Teamcoaching interessieren sich 47 Prozent der Entscheider, aber nur 33 Prozent der potenziellen Klienten, auch wenn viele Befragte in der Zukunft einen wachsenden Bedarf erkennen.

Die Hauptzielgruppe für Business Coachings sind mittlere Führungskräfte, gefolgt von operativen Führungskräften und Mitgliedern der Geschäftsführung. Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung werden nach wie vor nur in einem sehr geringen Umfang gecoacht. Coachings sind oft Folgemaßnahmen eines Feedback- oder Zielvereinbarungsgesprächs mit Mitarbeitern. Sie werden daher vor allem als individuelle Maßnahmen wahrgenommen.

Das Themenranking im Coaching führt aus Entscheidersicht das Thema Mitarbeiterführung und Mitarbeitersteuerung an, gefolgt vom Konfliktmanagement. Aus Sicht der potenziellen Coachees bedeutsamer ist dagegen das Thema Stressresilienz. Themen wie Gesundheitscoaching, Coaching im Kontext interkulturelle Kompetenzen sowie das Projektmanagement spielen untergeordnete Rollen.

Vor Corona war Coaching vor allem ein Präsenzangebot. Weder Coaching-Plattformen noch Telefon- oder Onlinecoaching nahmen in den Unternehmen einen besonderen Stellenwert ein. Eine schnelle Änderung zeichnet sich jedoch derzeit durch die besondere Konstellation der Homeoffice-Tätigkeit ab. Mit einer Verzahnung der verschiedenen Coaching-Modi ist wohl in den kommenden Jahren zu rechnen.

Wie finden Unternehmen die benötigten Coachs und welche Kriterien sind für die Auswahl wichtig? Zumeist erfolgt der Vorschlag eines bestimmten Coachs durch Personalentwickler, die dabei auf einen internen Coaching-Pool oder auf Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk zurückgreifen. Bevorzugt werden Coachs mit langjähriger Berufserfahrung gewählt. Dabei spielen Referenzen, persönliche Empfehlungen und der Nachweis einer Coaching-Ausbildung ebenfalls eine Rolle. Von geringerer Bedeutung ist die Frage, ob der Coach von Haus aus Psychologe ist oder über eine Zertifizierung verfügt.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Coaching gerade auf einen Funktionswandel zusteuert. Der individuelle Charakter des Coachings wird sich wandeln zu einer Maßnahme der Team- und Organisationsentwicklung. Im Zuge der agilen Bewegung wird sich der Fokus verlagern auf Projektarbeit, Prozessmanagement und Kulturveränderung in Organisationen.

Storytelling als Selbstcoaching-Methode

26. Februar 2021

„Erzähl Dein Leben neu“, heißt Rebecca Vogels Appell in ihrem Buch zum Personal Storytelling. Storytelling ermöglicht nicht nur, den eigenen Lebensweg in attraktiver Verpackung an andere zu kommunizieren. Das bewusste Erzählen der eigenen Geschichte, so Rebecca Vogels, ist auch ein innerlicher Prozess, der „… dir zeigt, wer Du wirklich bist.“ Denn oft leben wir unsere Geschichte so selbstverständlich und kaum hinterfragt, dass wir sie für die Realität an sich halten.

Rebecca Vogels lädt dazu ein, den Wahrheitsgehalt der eigenen Geschichte auf die Probe zu stellen: Welche Perspektive nehme ich ein, wenn ich auf mein Leben schaue? Bin ich ein Verlierer oder ein geborenes Sonntagkind? Wie heißt der rote Faden, der sich durch meinen Werdegang zieht? Erkenne ich Alternativen zu den bisherigen Blickwinkeln auf mein Leben?

Hilfreich ist auch der Blick auf die einzelnen Kapitel der eigenen Geschichte: Welche nehmen viel Raum ein? Welche würde ich gerne umschreiben? Diese Fragen bringen nicht selten auch einen klareren Blick auf die zukünftigen Kapitel im Leben hervor, die wir unbedingt noch schreiben wollen.

Mit einer frischen Perspektive auf den eigenen Lebensweg wird schnell deutlich, welche Motivatoren die eigene Persönlichkeit vorantreiben und welche Visionen unbedingt gelebt werden wollen. Zwar lösen sich nicht unmittelbar alle alten Zweifel auf. Doch im Verlaufe des Storytelling-Prozesses wird so mancher alter Glaubenssatz in Frage gestellt und durch produktivere Gedankengänge ersetzt.

Vogels Ideen und Anregungen zum Personal Storytelling sind praktisch und lebensnah. Ihre eigene Geschichte überfrachtet sie allerdings, indem sie sie zum roten Faden durch die Methode des Geschichtenerzählens einsetzt. Weniger Worte und Wiederholungen hätten dem Buch gut getan.

Mit Haltung führen

15. Januar 2021

Haltung entscheidet. So der Leitgedanke des Unternehmensberaters Martin Permantier. Wer Führung und Unternehmenskultur zukunftsfähig gestalten möchte, kommt an der Entwicklung der eigenen Führungspersönlichkeit und Kommunikationskompetenz nicht vorbei. Denn Haltung als Ausdruck unserer Denkweisen, Werte und Handlungen bestimmt, wie wir die Welt deuten und mit den Herausforderungen des Lebens tagtäglich umgehen. Sie ist, so Permantier, „ein Realitätsfilter, der bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten“ .

Permantiers Ansatz ist nicht neu. Er beruht auf kollektiven Entwicklungsmodellen wie zum Beispiel Graves Value System / Spiral Dynamics, dem integralen Ansatz von Ken Wilber und den Arbeiten von Frédéric Laloux. Permantier ergänzt diese Modelle durch individualpsychologische Entwicklungsmodelle, um einen eigenen Akzent mit seinem Haltungs-Stufenmodell zu setzen. Das Stichwort Haltung wird heute insbesondere in der agilen Arbeitswelt und im Bereich New Work intensiv diskutiert und als Schlüssel für den Erfolg selbstorganisatorisch-autonomer Arbeitsmethoden gewichtet. Permantier setzt diesen Gedanken in ein persönliches Entwicklungs-Programm um.

Haltung, so Permantier, hat mit Reife zu tun. Er benennt sechs verschiedene Reifegrade, von der selbstorientiert-impulsiven Haltung über die gemeinschaftsbestimmt-konformistische, rationalistisch-funktionale, eigenbestimmt-souveräne, relativierend-individualistische bis zur systemisch-autonomen Haltung. Diese Haltungen beschreibt er mit Hilfe typischer Überzeugungen, Werte und Handlungsmuster, sodass Leser sich anhand dieser plastischen Beschreibungen in den verschiedensten Lebenssituationen selbst einschätzen und kritisch hinterfragen können.

Und genau in dieser Plastizität und Anschaulichkeit liegt der Nutzen von Haltung entscheidet. Es ist weniger ein Lese- als vielmehr ein Arbeitsbuch zum Erkunden, Entdecken und bewussten Reiben an Positionen. Wer bereit ist, seine eigenen Standpunkte und ehernen Weisheiten aus der Metaperspektive zu betrachten und zu relativieren, wird flexibler auf den Wandel und die damit einhergehenden persönlichen Veränderungen umgehen können. Aus der grauen, mit schicken Buzzwords aufgemotzen Business-Theorie wird eine Werteorientierung, die im Alltag neue Impulse setzen kann.

Ein weiteres Selbstoptimierungsbuch? Permantier zitiert dazu Hemingway: „Es hat nichts Edles, wenn man seinen Mitmenschen überlegen ist. Wahre Größe liegt darin, seinem früheren Selbst überlegen zu sein.“ Die Welt neu zu fühlen, neu zu sehen, neu zu hören und zu denken ist kein Wettkampf, sondern ein Lebensweg.

Wie beeinflusst uns Sprache?

21. August 2020

NLP, das Neuro-linguistische Programmieren, hebt bereits im Namen hervor, welchen hohen Stellenwert es der Sprache beimisst. Die Sprache, so die NLP-Idee, setzt den Rahmen für unsere Sicht auf die Realität. Ein veränderter Umgang mit Sprache verändert daher auch die wahrgenommene Wirklichkeit. Der Linguist Guy Deutscher zeigt in seine Buch Im Spiegel der Sprache anhand von Sprachvergleichen, warum die Welt in anderen Sprachen tatsächlich anders aussieht.

Deutschers Feststellung: Jeder kann in seiner eigenen Sprache potenziell alles ausdrücken, was er als Idee oder Konzept verstanden hat. Doch jede Sprache verengt oder erweitert durch ihren Wortschatz und ihre Grammatik zugleich die Sicht auf die Welt. Drei spannende Beispiele untersucht Deutscher im Detail: das Deuten von Farben, die Verortung von Dingen und Menschen im Raum sowie der Umgang mit geschlechsspezifischen Sprachhinweisen, womit wir als Deutschsprechende besonders gut vertraut sind.

Zunächst zur Farbe: Noch zu Zeiten Homers war das Farb-Vokabular des Griechischen so begrenzt, dass man im 19. Jahrhundert über eine physiologische Einschränkung des Sehsinns in der Antike spekulierte. Doch heute ist gesichert, dass die Menschen der Antike biologisch genauso differenziert wahrnehmen konnten wie wir. Ihre kulturelle Sicht auf Farben war jedoch reduziert. Erst seitdem Menschen immer mehr Farben selbst herstellen können, wächst die Fähigkeit zur sprachlichen Unterscheidung von Farbnuancen an. Für uns ist das Meer heute (türkis-)blau, jadegrün, schwarz oder braun, während Homer das Meer durchgehend als „weindunkel“ wahrgenommen hat.

Das Beispiel der Verortung zeigt, welche Tragweite die Sprache für Wahrnehmungen haben kann. Die Sprecher der australischen Guugu Yimithirr-Sprache gehen nicht, wie wir es für selbstverständlich halten, egozentrisch vor und beschreiben Menschen, Gegenständen und Landschaften relational zu sich selbst. Stattdessen ordnen sie die Welt um sich nach Himmelsrichtungen: „Du findest die Milchprodukte im Osten des Supermarkts“.

Während wir uns gelegentlich missverstehen, weil wir nicht wissen, aus wessen Sicht die Beschreibung „rechts von“ zu deuten ist, schafft diese Eingeborenensprache eine überpersönliche Klarheit. Ihre Sprecher schulen schon in den ersten sechs Lebensjahren ihre Sinne in einem Ausmaß, das ihnen erlaubt, auch ohne Kompass die Himmelsrichtungen präzise zu bestimmen. Mit dem schrittweisen Aussterben dieser Sprache wurde leider auch das Aussterben dieser Fähigkeit festgestellt.

Nun zu geschlechtsspezifischen Hinweisen in der Sprache: In einem in englischer Sprache durchgeführten Experiment wurden Spanischmuttersprachler und Deutschmuttersprachler gebeten, ihre Assoziationen zu so einfachen Wörten wir „bed“ oder „apple“ zu nennen. Auch auf Englisch beschreiben Spanier Betten („las camas“) und Äpfel („las manzanas“) als ausgesprochen weiblich, während Deutsche dem Bett eher sachliche und dem Apfel eher männliche Qualitäten zuschreiben. Unbewusst hängen ganz offensichtlich unsere Assoziationen von sprachlichen Vorgaben ab. Ohne Zweifel ein gutes Argument für das gendergerechte Sprechen.

Das Fazit für den (Coaching-)Alltag: Die Wirklichkeit ist in den meisten Fällen nicht identisch mit der Sprache, in der wir sie beschreiben. Ein kritisches Überprüfen der Sprache erschließt, ganz im Sinne des NLP, neue Sichten auf die Welt. Mit einer sorgfältig gewählten Sprache fördern wir die Sinneswahrnehmung und schulen uns darin, Perspektivwechsel vorzunehmen. Sprachenlernen, so noch eine Erkenntnis, erweitert enorm den Horizont. Übrigens: Wer gerne Wissenschaftskrimis liest, hat mit der Lektüre diese Buches eine sehr vergnügliche Zeit vor sich.

 

 

Ratschläge im Coaching?

10. Juli 2020

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„Ratschläge“, so heißt es im Coaching, „sind auch Schläge.“ Gilt doch Coaching als die Methode, die Menschen bei der selbstverantwortlichen Gestaltung ihres Lebens lediglich begleiten will. Die Frage, ob Coachs wirklich keine Ratschläge erteilen dürfen, wird in Coach-Zirkeln immer wieder diskutiert. Dahinter steht oft die gute Absicht, den eigenen menschlichen Erfahrungsschatz mit den Klienten zu teilen. Doch kann das gelingen?

Coaching will mit Hilfe einer die Eigenwahrnehmung und Reflexion aktivierenden Sprache sowie mit Selbsterkundungs-Methoden zur Verbesserung der Selbstregulation und der Zielklarheit beitragen. In diesem Prozes entscheidet der Klient jederzeit selbst über die Richtungs seines Weges. Denn er ist der Experte für sein eigenes Leben und seine Persönlichkeit. Der Coach dient lediglich als Vehikel, dessen sich der Klient für seine Zwecke bedient.

Beratung dagegen ist eine Form der Zusammenarbeit, bei der ein Berater bewusst Ratschläge erteilt, die auf Know-how fußen. Der Berater ist der erklärte Experte für ein bestimmtes Fachgebiet. Mit der Annahme dieses Wissens und mit der Offenheit für die Verhaltens-Ratschläge des Beraters erspart sich der Klient den Aufwand, den es bedeuten würde, selbst Experte zu werden. Ratschläge, die auf sachlichen Informationen beruhen, können ihm Umwege und Kosten ersparen.

Offensichtlich gibt es zwei verschiedene Arten, Menschen zu unterstützen: die Anregung zur Selbstorganisation und das Bereitstellen von sachdienlichen Informationen. Auch Ratschläge lassen sich in zwei Kategorien unterscheiden: Es gibt Ratschläge zur Lebensgestaltung und Beratungen oder Tipps zu einem bestimmten Fachgebiet.

Spitzen wir nun die Frage, ob und in welcher Situation Coachs Ratschläge erteilen sollten, ein wenig zu. Stellen Sie sich vor, eine Klientin beschreibt Ihnen, wie unglücklich sie sich in ihrer Beziehung fühlt und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hat. Wie verhalten Sie sich nun? Helfen sie ihr herauszufinden, ob und wie ein weiterer Weg mit dem Partner sich noch lohnt? Oder halten Sie einen Ratschlag parat, der diese Frage praktischerweise in wenigen Worten klärt?

Wenn Sie tatsächlich die Selbstorganisation der Klientin anregen wollen, liegt das Vorgehen auf der Hand. Denn wie sollten Sie, ob als Coach oder Laie, über eine Lebensfrage anderer entscheiden können? Ein solches Vorgehen sprengt nicht nur den Coachrahmen. Es kratzt auch an den Regeln des Respekts in einer freien Gesellschaft. Denn auf welcher sachlichen Grundlage lassen sich Lebensfragen anderer wirklich beurteilen? Die Verantwortung für Entscheidungen anderer (gesunder Menschen) kann der Coach seriös nicht übernehmen.

Doch natürlich gibt es Abstufungen zur schlichten Regel. Auch ein Coach kann im Klientengespräch seine Meinung sagen, sollte sie jedoch als Meinung und als eine Perspektive unter anderen markieren. Dann behalten Klienten die Wahlfreiheit und vertauschen persönliche Ratschläge nicht mit Expertenurteilen.

Offen sind Ihre Klienten bestimmt auch für ein paar Ratschläge zu konkreten Umsetzungsschritten. Aber schenken Sie Ihren Klienten jederzeit das Wissen um ihre stärkste persönliche Ressource. Das ist die Fähigkeit, in jeder Lebenssituation gute Entscheidungen für sich selbst treffen zu können. Und wenn Sie Ihren gute Ratschlag nicht loswerden, dann bedenken Sie, dass die meisten Menschen auch die besten Lebens-Ratschläge ohnehin fürgewöhlich nicht befolgen.

Schritte zu beweglichen Gedanken

25. Juni 2020

Gehen ist ganz einfach. Das weiß jedes Kind. Gehen ist ganz schön komplex. Das erfahren Kleinkinder beim Laufenlernen, wenn sie durchschnittlich 17 Mal in der Stunde fallen. Der irische Neurobiologe Shane O´Mara interessiert sich für das Gehen, weil er davon überzeugt ist, dass es ganzheitlich für „jeden Aspekt des Seins“ förderlich ist. Er untersucht, was die Wissenschaft darüber weiß und warum es uns so guttut. „Es ist, als mobilisiere der bloße Akt des Aufstehens kognitive und neuronale Ressourcen, die sonst ungenutzt bleiben.“

Gehen gibt uns Richtung und räumliches Vorstellungsvermögen bzw. eine dreidimensionale Orientierung im Raum. Unser Gehirn verfügt in seiner kognitiven Karte der Welt sogar über Ortszellen, die bestimmte Plätze exakt kartieren, während uns Kopfrichtungszellen räumlich ausrichten können. Über das Vorstellungsvermögen und den Rhythmus verleiht uns Gehen auch ein Gefühl für Zeit. Wer das Gehen für sich erobert, kann sich auch besser in seinem Leben orientieren.

Gehen leistet noch mehr, denn es hat auch eine zutiefst soziale Dimension. Gemeinsam Gehen ist eine koordinative Leistung von hoher Komplexität. Zum einen müssen wir unsere eigenen Bewegungen ausrichten. Zum anderen haben wir die Aufgabe, die Bewegungsrichtungen der anderen vorauszusagen und mit unserem Bewegungsmuster zu harmonisieren. In diesem Akt der interpersonalen Synchronisation gleichen sich unsere Körperprozesse wie Herzschlag oder Atmung an.

NLP´ler kennen den Prozess der Synchronisation als Pacen, Spiegeln und Rapport. „Die Nachahmung des Verhaltens anderer und die Bereitschaft, andere nachzuahmen, sind“, so O´Mara, „im Nervensystem fest verdrahtet.“ Der soziale Aspekt des Gehens hat nicht zuletzt dazu geführt, dass Menschengruppen wandernd die ganze Welt erobern konnten.

Gehen ist außerdem die Basis für Kreativität. Friedrich Nietzsche ging sogar so weit zu behaupten, dass nur die „ergangenen Gedanken“ Wert haben. Denn Kreativität entsteht nicht im sogenannten aktiven Exekutivmodus, sondern im Ruhezustand, dem Default-Modus, einem Zustand des Gedankenwanderns. Gedankenwandern führt über das Vernetzen weit auseinander liegender Hirnareale zu neuartigen Vernetzungen von Ideen. Umso wichtiger, so O´Mara, Lernen und Kreativität im gesellschaftlichen Raum bewegt zu gestalten.

Dass Bewegung auch gesund ist, ist natürlich nichts Neues. Kaum eine Körperfunktion profitiert nicht von regelmäßigem Gehen. Auch die Seele liebt es, aktiv zu sein. Studien legen nahe, dass die Persönlichkeitsentwicklung durch körperliche Aktivität gefördert wird. Weitere Beispiele liefern das Pilgern und der Kult um das japanische Waldbaden. Bewegung baut Stress ab, erhöht die Aufmerksamkeitsfähigkeit und mindert die Neigung zu Depressionen.

Nicht zuletzt ist das Gehen eine menschliche Besonderheit. Aufrechtes Gehen, Bipedie genannt, erlaubt den Einsatz von Werkzeugen und sorgt auch im Denken für eine Beweglichkeit, die Tieren verwehrt ist. Und weil das „Glück des Gehens“, das O´Mara beschreibt, kein Geld kostet, steht es jedem jederzeit zur Verfügung.

Life Coaching oder Business Coaching?

9. Juni 2020

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Wer einen Coach sucht, stößt des Öfteren auf die Frage, ob der gesuchte Anbieter ein Life- oder Business Coach sein sollte. Das ist für zukünftige Klienten nicht einfach zu beantworten. Denn dazu bräuchten sie bereits die Hilfe des Coachs. Das Problem mit Problemen, die nach wie vor oft Auslöser und Anlass für das Coaching-Bedürfnis sind: Es ist schwierig, sie einzelnen Lebenssphären genau zuordnen zu können.

Das Einstiegs-Coaching-Thema erweist sich in vielen Fällen nicht als das Thema, das später das eigentliche Thema ist. Die Frage nach Life Coaching oder Business Coaching stellt sich dem systemischen NLP-Coach daher nicht. Wenn das Coaching im beruflichen Umfeld stattfindet und eine vertrauensvolle Basis zwischen Klient und Coach aufgebaut ist, kommt oft sehr schnell das Gespräch auf den privaten Kontext des Klienten. Nicht selten lässt sich auch genau in diesem Kontext eine Lösung für das professionelle Anliegen finden.

Umgekehrt schneidet natürlich auch jedes Life Coaching die berufliche Seite des Menschen an. Denn wer kann schon beide Sphären klar voneinander trennen, zumal seit dem rasanten Anstieg der Homeoffice-Arbeit durch die Corona-Krise für viele Schreibtischarbeiter beide Lebensfelder zusammengewachsen sind. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Menschen ausdrücklich wünschen, die beiden Lebenssysteme Privatleben und Arbeit enger miteinander zu verzahnen.

Die Unterscheidung in Life und Business Coaching entspricht also weder den modernen Lebensbedürfnissen, noch ist sie aus intra-systemischer Warte theoretisch schlüssig. In Anlehnung an den Soziologen Niklas Luhmann betrachten inter-systemische Coachs das jeweils nicht fokussierte System, ob beruflich oder privat, als Umwelt des fokussierten Systems. Aus intra-systemischer Warte aber, jenseits der Soziologie, vermischen sich die Systeme nach den individuellen Maßstäben des Klienten. Das Unbewusste entscheidet, was womit und warum zusammenhängt.

Für Coachs empfiehlt es sich daher, weder in ihrer Ausbildung noch in der Praxis eingegrenzt zu denken. Selbstverständlich ist aber, dass jeder thematisch spezialisierte Coachs die nötige Feldkompetenz in seinem Gebiet braucht. Ein vorwiegend im Business tätiger Coach zum Beispiel braucht Fach- und Erfahrungswissen aus der Wirtschaft. Ein auf Beziehungen spezialisierte Privatkunden-Coach ist für Qualität auf das nötige Know-how aus diesem Bereich angewiesen.

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