Archive for the 'Coach & Coaching-Methoden' Category

Mit List das Richtige tun?

1. Februar 2018

Der Nobel-Preis-Gewinner 2017 für Wirtschaftswissenschaften, Richard Thaler, hat in seinem 2008 mit Cass Sunstein verfassten Buch Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt, eine Formel auf den Punkt gebracht, die „ … andere dazu bewegt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Denn, so das Cover, „Menschen verhalten sich von Natur aus nicht rational. Nur mit einer Portion List können sie dazu gebracht werden, vernünftig zu handeln.“ Unter Nudging versteht er die Methode, das Verhalten durch kleine subliminale Schubser oder Anstöße auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen. 

Wie steht ein systemischer NLP-Coach zum Nudging? Ist Nudging eine Methode, die auch im Coaching gezielt genutzt werden kann? Das hängt von einer zentralen Voraussetzung ab: Systemisches Coaching mit NLP stellt Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit in den Mittelpunkt. Die Ziele des Klienten entscheiden darüber, wohin die Coaching-Reise geht.

Wer aber menschliches Verhalten als von Natur aus nicht rational einstuft und aus diesem Grund auf List setzt, entmündigt den Klienten und sprengt die Rolle des Coachs. Wenn Coach und Klient sich nicht auf Augenhöhe begegnen, sind Nudging-Methoden tatsächlich herablassend und manipulativ. Denn der Coach entscheidet dann nach seinen Maßstäben, was gut für den Klienten ist.

Den Werterahmen des systemischen Coachings vorausgesetzt, kann Nudging als Oberbegriff für Methoden, die mit dem Unbewussten arbeiten, durchaus eine Rolle spielen. Und genau genommen nutzt der Coach sie bereits. Wann immer er ein Thema des Klienten sprachlich neu rahmt und in einen erweiterten, verengten oder neuen Kontext stellt, schubst er seinen Klienten in eine neue Richtung. Wann immer er bewusst hypnotische Sprache gebraucht und dabei zum Beispiel positive Vorannahmen und metaphorische Vergleiche einflicht, liefert er subliminale Anstöße. Gleiches gilt zum Beispiel auch für die NLP-Anker-Technik.

Beim Einsatz dieser Methoden sollte der entscheidende Unterschied jedoch immer darin liegen, dass der Klient, nicht der Coach, über die Klugheit seiner Entscheidungen urteilen kann. Denn der Coach steht im Dienste der Selbstorganisation des Klienten. Er hat die Aufgabe, den vorab klar formulierten Arbeits-Auftrag zu erfüllen. Wenn nicht, erübrigt sich der Coach.

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Die eigenen Gene prägen

3. Januar 2018

frau

Gesundheit ist kein Zufall. Das gilt sowohl für die körperliche als auch die seelisch-geistige Gesundheit. Doch können wir unsere eigenen Gene prägen? Können wir Einfluss darauf nehmen, wie sich unser eigenes Genpotenzial auf uns und unsere Nachfahren auswirkt? Mit diesen Fragestellungen hat sich der Wissenschaftsjournalist Peter Spork befasst und die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik zusammengetragen. Welche Erkenntnisse ergeben sich daraus für Therapeuten und Coachs?

Doch zunächst zum Begriff der Epigenetik. Epigenetik ist die Wissenschaft von der Steuerung der Gene. Sie untersucht, wie Umwelteinflüsse, Klima und Lebensstil dafür sorgen, dass genetische Potenziale eingeschaltet, gedimmt oder gänzlich ausgeschaltet werden. Körperliche und seelisch-geistige Resilienz sowie die Intelligenz eines Menschen sind zwar durch das Genpotenzial vorgegeben. Doch entscheidender als dieses vererbte Potenzial ist die durch äußere Umstände und das eigene Verhalten beeinflussbare Genregulation. Die gemeinsame Regulation aller Gene, so Spork, … ist deshalb viel entscheidender als die Frage, welche der einzelnen Genvarianten man ererbt hat.

Aus epigenetischer Warte ist Gesundheit daher kein Schicksal, sondern ein dynamischer Prozess. Denn sie entwickelt sich immer wieder neu. Entscheiden sich Menschen im Verlaufe des Lebens wieder und wieder für günstige Verhaltensweisen, wächst das, was wir Gesundheit nennen. Dabei geht es nicht nur darum, gesünder zu essen, Giftstoffe zu meiden und mehr Sport zu treiben. Auch auf der geistig-seelischen Ebene führt gesundes Verhalten zur positiven Genregulation, wie Spork mit einem Beispiel aus der PTBS-Forschung zeigt: Mit einer Psychotherapie konnte ein für Panikzustände typisches Genaktivierungsmuster messbar verändert werden.

Die Epigenetik zeigt aber auch, dass Gesundheit nicht allein ein individuelles Projekt ist, sondern sich über drei Generationen erstreckt. Gesundheit beginnt aus epigenetischer Sicht bereits in der Kindheit der Großeltern. Denn deren Lebensstil und deren Lebenserfahrungen wirken sich auf das Genprofil der Enkelgeneration aus. Noch unmittelbarer beeinflussen die Eltern die Gesundheit ihres Kindes, und zwar nicht erst ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Nachweisbar hinterlässt das elterliche Verhalten drei Monate vor der Schwangerschaft noch Spuren für die Gesundheit des Kindes.

Epigenetische Einflusse gelten natürlich im Guten wie im Schlechten. Seelische Traumata zum Beispiel hinterlassen nicht nur Narben auf der Seele der (Groß-)Eltern, sondern wirken sich auch epigenetisch durch veränderte Stoffwechselvorgänge auf die Psyche der (Enkel-)Kinder aus. Wichtig für Therapeuten und Coachs zu wissen: Während die durch Traumatisierung bewirkte epigenetische Veränderung bei den direkt Betroffenen sogar eine größere Stressresistenz bewirken kann, kehrt sich dieser Effekt in den Nachfolgegenerationen um. Die Nachfahren werden stressanfälliger und empfindlicher.

Doch auch dieser Prozess ist umkehrbar. Entscheidend ist allein, ob wir die Verantwortung für unsere Potenziale übernehmen. Ein gesundheitsförderndes Umfeld, gesundes Essen, viel Bewegung und natürlich seelische Hygiene, die auch Therapie und Coaching umfassen kann, entscheiden über unseren Gesundheitszustand.

 

Coaching face-to-face oder medial?

27. November 2017

Mann mit Handy

Die Digitalisierung fördert, so der Tenor der Kienbaum Studie Future Management Development 2017, den Coaching-Bedarf. Zugleich macht sie aber auch vor Coaching selbst nicht halt. Daher ist es an der Zeit zu fragen, ob Online-Coaching aus der Warte eines systemischen NLP-Coachs die gleiche Qualität wie Präsenz-Coaching haben kann. Denn Körpersprache bzw. nonverbale Kommunikation trägt nicht nur enorm zum guten Kontaktaufbau und Verständnis zwischen Coach und Klient bei. Sie ist auch ein entscheidender Wirkfaktor im Coaching.

In der Kommunikationswissenschaft geht man davon aus, dass kommunikative Wirkung nur etwa zu einem Zehntel auf dem gesprochenen Wort beruht. Das entscheidendere Gewicht kommen der Körpersprache mit etwa fünf Zehnteln und der Stimmqualität mit vier  Zehnteln zu. Der Face-to-Face-Austausch ohne Medienbeschränkung schafft daher ganz offensichtlich die besten Bedingungen für gelungene Kommunikation auf allen Sinneskanälen. Doch NLP-Anwender wissen auch, dass individuelle Sinnesvorlieben die Erreichbarkeit eines Menschen auf einem spezifischen Sinneskanals erleichtern können. Was bedeutet das für den Nutzen der verschiedenen Online-Coaching-Formen?

Online-Coaching – ein breites Feld
Online-Coaching, auch E-Coaching, Virtuelles Coaching oder Digitales Coaching genannt, umfasst verschiedene Technologien, die kombinierbar sind. Klassiker ist das Telefonieren, die parallele Kommunikation über die Stimme. Videotelefonie ergänzt den verbalen Austausch noch durch ein Bild, ohne allerdings den gesamten Körper einfangen zu können. Desweiteren gibt es asynchrone digitale Austauschformen unter Verzicht auf Wort und Bild. Dazu gehören das Chat-Coaching über Messenger-Dienste, das E-Mail-Coaching und das SMS-Coaching.

Videocoaching – größte Sinnesvielfalt
Die Frage nach der Qualität von Online-Coaching kann also ganz offensichtlich keine pauschale Beantwortung finden. Am stärksten vergleichbar mit einem Präsenz-Coaching ist das Videocoaching. Coach und Klienten können, wenn auch mit Einschränkungen, körpersprachlich kommunizieren. Systemische NLP-Coachs müssen allerdings komplett auf den Einsatz räumlich-kinästhetischer Coaching-Formate wie beispielsweise auf eine Timelinearbeit mit Bodenankern verzichten. Videocoaching bleibt so tendenziell rationaler und dissoziierter als ein Coaching Face-to-Face.

Telefoncoaching – auditive Spezialisierung
Telefoncoaching kommt Klienten sowie Coachs mit einer auditiven Sinnesvorliebe entgegen. Die Beschränkung auf einen Sinneskanal erhöht bei ihnen oft sogar den Rapport und die Konzentration. Möchte ein stark auditiver Klient aber seine Kommuniktionskompetenz im sozialen Miteinander verbessern, ist ganz offensichtlich auch bei ihm das Telefon nicht das Medium der Wahl. Stark visuelle Klienten empfinden das Telefoncoaching im Vergleich zum Videocoaching im Allgemeinen als große Beschneidung.

E-Mail- und Chat-Coaching – hohes Reflexionspotenzial
E-Mail- und Chat- sowie SMS-Coaching beruhen allein auf dem geschriebenen Wort. Die Kommunikation zwischen Klient und Coach bleibt eingeschränkt auf den geistigen Austausch. Es ist daher die rational-dissoziierteste Online-Coaching-Form bzw. die Form, die am stärksten auf eine emotional-kinästhetische Komponente verzichten muss. Ihr größter Vorzug, die Schaffung eines intensiven Reflexionsraums, kann daher in Abhängigkeit zur Fragestellung auch ihr größter Nachteil sein.

Coaching-Qualität – auch eine Frage des Kontexts
Qualität im Coaching hängt ganz offensichtlich von einer Vielzahl von Faktoren ab, die es in Balance zu halten gilt. Ein Präsenz-Coaching bietet im Allgemeinen die besten Bedingungen für den Coaching-Erfolg, weil es ein ganzheitliches, alle Sinne des Menschen ansprechendes Vorgehen erlaubt. Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist in ihrer Wirkung nicht durch Medien zu ersetzen. Doch zeitliche und finanzielle Faktoren sowie bestimmte Sinnesvorlieben und Themenstellungen lassen es gelegentlich sinnvoll erscheinen, ein Präsenz-Coaching durch digitale Methoden zu ergänzen.

Selbststeuerung oder Autopilot?

20. November 2017

Beim Autofahren zeichnet sich der Trend zum Autopiloten ab. Doch wie sieht es in der Neurobiologie aus? Eine zentrale Frage auch für Coachs, denn systemisches Coaching fußt auf dem Selbstführungskonzept. Der Arzt und Neurobiologe Joachim Bauer hat in seinem Buch zur Selbststeuerung die Wiederentdeckung des freien Willens in den Blick genommen. Er wendet sich gegen die gefährliche Verneinung der Willenskraft, wie sie in der Gehirnforschung um die Jahrtausendwende üblich war, und zeigt, dass auch das Unbewusste kein Gegner unserer freien Enscheidungen ist.

Noch 2003 formulierte der Neurobiologe Gerhard Roth: Nicht das Ich, sondern das Gehirn entscheidet. Und sein Kollege Wolf Singer sprach 2004 von deterministischen neuronalen Prozessen, die den freien Willen relativieren. Bauer dagegen betont die auf Kooperation angelegte Zweigliedrigkeit unsereres Gehirns: Das Basissystem erlaubt triebhaftes, spontanes und überwiegend automatisches Verhalten. Der Präfontale Cortex wiederum ist der Ort des freien Willens. Bei guter Steuerung durch das Selbst arbeiten beide Systeme wirkungsvoll zusammen

Selbststeuerung ist jedoch kein Selbstläufer, wie Bauer hervorhebt. Sie bedarf der Erziehung und stetigen Kultivierung. Die Förderung der Selbststeuerung in der Pädagogik und der alltäglichen Lebensführung, zum Beispiel durch Achtsamkeitstraining, bezeichnet Bauer als zentrale Aufgaben der Gegenwart. Denn wo es war, soll Ich werden. Auch Störungen des freien Willens, beispielsweise durch Priming, lassen sich aufdecken und durch Vernunft in ihren Auswirkungen klären.

Dieser Klärungsprozess des freien Willens ist nicht nur ein individueller, sondern immer auch ein sozialer Verständigungsprozess. Wir brauchen Dialoge mit anderen, um unser Selbst zu erkennen und unseren Willen zu schärfen. Nicht zuletzt der Coach kann als guter Sparringspartner dienen, mit dessen Hilfe Menschen ihre Selbstführung (wieder-)entdecken und ihre Potenziale entwickeln können.

Wo Coaching anfängt und wo es aufhört

3. November 2017

mann-junger

Hört auf zu coachen! lautet der Appell der Persönlichkeitsentwicklerin und Coach-Ausbilderin Svenja Hofert. Ihr aktuelles Buch will vermitteln, wie man Menschen wirklich weiterbringt. In sechs Thesen fordert sie eine Abwendung von einem Coaching-Verständnis, das sich auf Handwerk und Tools fokussiert und dabei den Menschen aus dem Auge verliert.

Gutes Coaching, so Hofert, brauche keine Regeln und enge Definitionen, sondern in ihrer Persönlichkeit entwickelte Coachs, die sich auf die unterschiedlichen Entwicklungsebenen ihrer Klienten individuell einstellen können. Auf der Basis des Modells der Ich-Entwicklung nach Loevinger stellt sie ein flexibles Coaching-Modell vor und formuliert nützliche Grundregeln des Flexi-Coachings.

So weit, so gut. Doch wer vertritt das von Hofert kritisierte Coaching-Verständnis? Wer promotet Tools als Selbstzweck? Wer hält die Persönlichkeitsentwicklung von Coachs für entbehrlich? Und wer engt Coaching durch definitorische Abgrenzungen zum Nachteil des Coachings ein? Liest man Hoferts  persönliche Beispiele und Erfahrungen, gehören alle etablierten Coaching-Richtungen in Deutschland dazu.

Eigentlich ist es Hoferts erklärtes Programm, den Falsch-Richtig-Modus zu überwinden, um schließlich in den von ihr geforderten flexiblen Modus zu kommen. Doch die Gesetze des Marketings, das gerne mit Polarisierungen arbeitet, scheinen stärker zu sein. Ironischerweise löst Hofert auf diesem Weg ihre Forderung: Hört auf zu coachen! perfekt ein. Wenn Coaching durch die Definition als professionelles Helfen begrifflich entgrenzt wird, ist eigentlich jede professionelle Hilfe Coaching – oder auch nicht.

Wie bekannt ist Coaching?

25. Oktober 2017

frau

Die 2017 ICF Global Consumer Awareness Study, beauftragt von der International Coach Federation (ICF) und durchgeführt von PwCResearch, hat die Bekanntheit des Beratungsformats Coaching in den 30 Staaten mit den höchsten ICF-Mitgliederzahlen untersucht. Das erfreuliche Ergebnis: Das Wissen um die Methode Coaching nimmt weiter zu.

Immerhin 66 Prozent der Studienteilnehmer sind sich des professionellen Business- und oder Life-Coachings „einigermaßen“ oder „sehr“ bewusst. Insbesondere in der Generation der Millenials bzw. der Generation Y erfreut sich Coaching großer und zudem wachsender Bekanntheit. Fast die Hälfe aller in der Studie Befragten, nämlich 31 Prozent, hat auch bereits ein professionelles Coaching als Klient in Anspruch genommen.

Über 88 Prozent derjenigen, die über Coaching-Erfahrung verfügen, waren zudem mit der Erfahrung zufrieden. Der Grad der Zufriedenheit mit einem Coach steht, so ein Ergebnis der Studie, auch in Zusammenhang mit der Anerkennung des Coachs durch einen professionellen Coaching-Verband. Vor allem für die jüngeren Studienteilnehmer sei eine offizielle Zertifizierung des Coachs „wichtig“ oder „sehr wichtig“.

Bewegung im Unternehmen

1. August 2017

Nur was sich bewegt, kann sich verbessern“, so der Psychologe und Business Trainer Valentin Nowotny im Untertitel zu seinem Buch Agile Unternehmen: Moderne Organisationen müssen heute fokussiert, schnell und flexibel sein. Doch was genau bedeutet Agilität? Und mit welchen Methoden kommt Bewegung ins Unternehmen?

Agilität definiert Nowotny nicht als Technik, sondern als eine innere Haltung. Fünf zentrale Merkmale sind charakteristisch für das agile Mindset: Agile Mitarbeiter arbeiten und entscheiden in sich selbst organisierenden Teams und folgen dabei keinen disziplinarischen Vorgaben. Sie visualisieren ihre Workflows und setzten sich gegenseitig täglich über ihre Fortschritte in Kenntnis. Ihr Vorgehen ist iterativ. Das heißt, Produkte entstehen schrittweise  in zahlreichen Praxistests und Feedbackschleifen-Prozessen.

Die agile Wertewelt lebt von dem Gedanken, dass Menschen motivierter, kreativer und produktiver arbeiten können, wenn sie aus der linearen Welt der Organigramme und Hierarchien aussteigen und sich selbst organisieren. Kommunikation, Feedbackkultur, Offenheit und Respekt sorgen für intensives Commitment und maximalen Arbeitsflow. Fehler werden in agilen Organisationen als willkommene Informationen betrachtet, für die es in Folge-Arbeitsschritten Lösungen zu finden gilt.

Nowotny beschreibt zahlreiche Methoden aus der agilen Welt wie Scrum, Kanban und Design Thinking. Der Schlüssel zu Agilität aber ist der Wille, den Menschen als Ganzheit in den Mittelpunkt zu stellen. Agiles Führen beruht daher auf entwickelten Kommunikationsfähigkeiten und verfährt vor allem coachend und moderierend. Mit einem Einstein-Zitat bringt Nowotny diese Haltung auf den Punkt:

„Körper und Seele sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern nur zwei verschiedene Arten, dasselbe Ding wahrzunehmen. Entsprechend sind Physik und Psychologie nur zwei verschiedenartige Versuche, unsere Erlebnisse auf dem Weg systematischen Denkens miteinander zu verknüpfen.“

 

 

Qualitätskriterien im systemischen Coaching

3. Juli 2017

bank-im-park

Was macht aus systemischer Warte Coaching-Qualität aus? Wie lässt sich diese Qualität verbessern? Mit welchen Schritten können Coachs ihre Leistung evaluieren? Und wie können sie aus jedem Coaching lernen?

Aus systemisch-lösungsorientierter Sicht ist Coaching das Führen von Menschen zu ihren eigenen Lösungen, im Gegesatz zur Beratung. Coaching muss sich daher vor allem an diesem Anspruch bewähren. Zur Einlösung gilt es allerdings, verschiedene Qualitätsaspekte zu beachten. Drei Ebenen seien hervorgehoben: Die Qualität der Rahmenbedingungen bzw. der Struktur, die Qualität des Prozesses einschließlich der Beziehung zwischen Coach und Klient und natürlich die Qualität der Auftragseinlösung.

Zur Strukturqualität des Coachings gehört es zum einen, dass der Coach das passende räumliche Ambiente sowie Material anbietet, beispielsweise für eine Aufstellung. Zum anderen ist er verantwortlich für das Abstecken der vertraglichen Rahmenbedingungen und das sorgfältige Klären der Erwartungshaltung seines Klienten.

Rapport führt
Stimmt die Strukturqualität, dann sind die Bahnen für eine erfolgreiche Prozessqualität bereits gestellt. Denn passende Strukturen erhöhen schnell Rapport, der NLP-Fachbegriff für die tragfähige Beziehung zwischen Coach und Klient. Für erfolgreiche Prozesse braucht der Coach persönliche Reife, gute Wahrnehmungs- und Analysefähigkeiten und umfangreiche Methodenkompetenz. Doch diese Komponenten können nur zum Tragen kommen, wenn das Beziehungsband zwischen Coach und Klient eng genug ist. Denn Kommunikation ist verkörpert – das Führen des Klienten zu seinen eigenen Lösungen gelingt dem Coach nur, wenn der Klient sich in Rapport fühlt.

Den Unterschied finden, der den Unterschied erzeugt
Auch die Qualität der Auftragseinlösung bzw. der Grad des Erfolgs im Coaching hängen deshalb vom Rapport ab. Doch er allein reicht nicht aus. Der Coach braucht zum einen die Fähigkeit, die komplexe Situation des Klienten mittels sorgfältiger Beobachtung, kombiniert mit kluger Hypothesenbildung, guten Fragetechniken und präziser analytischer Auswertung der gewonnenen Informationen zu erfassen. Zum anderen muss er die Hebel erkennen, mit denen der Klient zunächst vom Auftrag zu einer sinnvollen Zielbestimmung und dann zur Zielerreichung gelangen kann. Ein guter Coach erkennt den Unterschied, der den Unterschied macht, und leitet die entsprechenden Entwicklungsprozsesse ein.

Mulitperspektivität verändert
Alles in allem kann Coaching nur wirkungsvoll sein, wenn der Coach multiperspektivisch verfährt: Er erlebt den Klienten zum einen aus der subjektiven Ich-Perspektive. Zum anderen geht er in Empathie mit ihm und gewinnt Informationen aus der Du-Position. Darüber hinaus nimmt er die Beobacherrolle ein und überprüft seine Informationen aus der möglichst neutralen Distanz. Als systemischer Coach geht er jedoch noch einen Schritt weiter. Nach jedem Coaching versetzt er sich in die Rolle eines Beobachters seiner eigenen Beobachtungen als Coach. Mit diesem im NLP Meta-Mirror genannten Schritt überprüft er Rapport, Vorgehensweise, Hypothesen und Informationen.

Qualität durch Weitwinkel
Durch dieses Vorgehen gelingt es dem Coach, seine subjektive Perspektive mit einem Weitwinkel zu versehen. Er erkennt leichter seine eigenen persönlichen Befangenheiten und kann den Coaching-Verlauf einer wirkungsvollen Qualitätsprüfung unterziehen. Naturgemäß ist der Coach auch in dieser Meta-Mirror-Perspektive nicht objektiv. Doch durch dieses Doppelschleifenlernen bietet er dem Klienten an Maximum and Qualität.

Die Coaching-Qualität stimmt

2. Mai 2017

Die Coaching- Umfrage 2016, herausgegeben von Jörg Middendorf und dem Roundtable der Coachingverbände, zeigt, dass Coaching im deutschsprachigen Raum ein Empfehlungsgeschäft ist. Neukunden orientieren sich vorwiegend an persönlichen Empfehlungen, wie die Befragung von 546 Coachs ergab. Zwar zählen auch Berufserfahrung und Feldkompetenzen. Aber erst in dritter Linie interessieren sich Klienten für thematische Spezialisierungen, methodische Ausrichtungen oder Verbandsmitgliedschaften.

Dass Ausbildungsgang und Art der Zertifizierung sowie Verbandszugehörigkeit und thematische Spezialisierung für die Kundenakquise keine große Rolle spielen, hält die deutschsprachigen Coachs jedoch nicht davon ab, in Qualifizierungsmaßnahmen zu investieren. Über 60 Prozent der Befragten haben an einer systemisch orientierten Grundausbildung teilgenommen haben. Nicht wenige Coachs in Deutschland haben Aus- und Weiterbildungen im Umfang von 500 bis 1.000 Stunden genossen. Durchschnittlich 76 Stunden wenden Coachs jährlich auf, um ihr Know-how zu aktualisieren.

Diese Investition wird auch finanziell belohnt. Nach einem Einbruch im Vorjahr haben die Coach-Saläre im Jahr 2016 im Durchschnitt zugelegt. Beim Privatkundengeschäft erhöhte sich der Stundensatz um 3,5 Prozent, beim Business Coaching um 0,8 Prozent. Mit steigendem Lebensalter und längerer Berufserfahrung erwirtschaften Coachs übrigens höhere Stundensätze als ihre Kollegen. Die große Bedeutung von Empfehlungen und dichten Netzwerken kann hierfür eine Begründung sein. Eine thematische Spezialisierung bringt aber, wie die Untersuchung ergab, Coachs in der Regel keine finanziellen Vorteile.

 

 

Führen in der VUCA-Welt

3. April 2017

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Eine neue Welt ist entstanden. Ohne Masterplan und ohne unsere bewusste Entscheidung sind wir inzwischen alle Bewohner von VUCA, einer durch digitale Verflechtungen und schnelle Warenflüsse hochgradig beschleunigten Welt. VUCA steht für Volatility, Uncertainty, Complexitiy und Ambiguity, und in der VUCA-Welt nimmt der uns bekannte Grad der Steuerbarkeit von Prozessen dramatisch ab. Welche Konsequenzen hat das für Führung und Coaching?

Zunächst zum Begriff: Das V in VUCA repräsentiert die Unbeständigkeit und die hohe Schwankungsbreite, die durch die Dynamik des Wandels entstanden ist. Egal um welche Trends es sich handelt, ob an der Börse, in der Politik oder in anderen Lebensbereichen: Mit schnellen Umschwüngen muss gerechnet werden. Diese Volatilität führt nachvollziehbarerweise zu einer hohen Ungewissheit, dem U in VUCA. Denn wie kann man planen, wenn Themen und Ereignisse sich überschlagen?

Komplexität, repräsentiert duch das C (Complexity), war immer schon zentrales Merkmal des Systemischen. In der VUCA-Welt aber verdichtet sie sich. Optionenvielfalt und Multikomplexität in Gesellschaften sowie Unternehmen sind eine Folge. Eine andere Folge aber sind Chaos und Verwirrung. Beispielsweise können immer häufiger lokale Ereignisse zu Krisen im Weltmaßstab führen. Planung und das Voraussehen von Auswirkungen werden daher immer schwieriger.

A für Ambiguity steht für Mehrdeutigkeit: Weil sich keine Ursache-Wirkungszusammenhänge mehr abzeichnen, erscheint die Verbindung  zwischen Handeln und Wissen immer verwirrender. Häufige Fehlinterpretationen und Missverständnisse sind die Folge. Zudem steht in Frage, was nach allgemeinem Verständnis als wahr gelten darf. Alternative Fakten sind ein typischer Ausdruck dieser Ambiguität.

Die Welt, wie wir sie bislang kannten, verändert ihre Gestalt. Neue Antworten und Fähigkeiten müssen sich entwickeln, um mit diesem Wandel umgehen zu können. Für Unternehmen bedeutet VUCA sprunghafte Innovationen, verkürzte Produkt- und Marktlebenszyklen, ein schneller Verfall alten Wissens sowie eine insgesamt beschleunigte Dynamik. Vor allem mentale Agilität, Generalistentum und die Fähigkeit zum schnellen Wandel werden erforderlich sein, um mit dieser Beschleunigung umzugehen.

Daher wandelt auch Führung radikal ihr Gesicht. Lineare, hierarchisch geprägte Vorgehensweisen und Strukturen treten zurück hinter agilen, selbstgesteuerten Prozessen. Führungskräfte werden zunehmend zu Teambegleitern, Prozessmoderatoren und Coachs. Denn ihre Aufgabe wird es sein, die Rahmenbedingungen für die Selbstorganisation der Einzelnen und des Teams zu gewährleisten. Naturgemäß steht ihr Handeln unter dem Gebot der  Organisation des schnellen Wandels. Aber nicht zuletzt werden sie auch als Stabilitätsanker für die Menschen in Unternehmen dienlich sein müssen.

Was bedeutet nun VUCA für das Coaching im Allgemeinen und das Coaching von Führungskräften im Besonderen? Ganz offensichtlich nehmen die Anforderungen sowie Belastungen in der VUCA-Arbeitswelt zu. Coaching eröffnet einen Lernraum für Selbstorganisation und befähigt den Einzelnen, sebstbestimmt und emotional geklärter mit dem schnellen Wandel umzugehen. Dem Führungskräftecoaching wiederum kommt verstärkt die Aufgabe zu, Menschen in verantwortlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Unbeständigkeit, Unsicherheit, verwirrender Komplexität und Ambiguität zu spiegeln und zu klären.

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