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Emotionen konstruieren

9. Januar 2019

frau

Spätestens seit Paul Ekmans Gefühle lesen (2003/2004) galten in der Psychologie Emotionen und ihr mimischer Ausdruck als universal. In seinem Buch hatte Ekman das Facial Action Coding System (FACS) vorgestellt, ein kulturunabhängiges Lexikon für Mimik, das sieben Basisemotionen, unter anderem Trauer und Freude, identifiziert. Doch mit Lisa Feldman Barretts bislang noch nicht auf Deutsch verfügbarem Werk How Emotions Are Made (2017) ist die Grundlage dieses Modell ins Wanken geraten.

Denn Feldman Barrett zeigt, dass die These von einer biologischen Grundausstattung an Emotionen nicht haltbar ist. Stattdessen hält sie Emotionen für mentale Konstrukte, die in der Auseinandersetzung des Menschen mit seinen eigenen inneren Wahrnehmungen und Körpergefühlen sowie mit seiner Umwelt und Kultur entstanden sind. „Emotions are not reactions to the world. You are not a passive receiver of sensory input but an active constructor of your emotions.“

Da im Alltag Emotionen, wie beispielsweise Ärger, mit großer Macht auf uns einzuwirken scheinen, leben wir mit der Idee, nur wenig Einfluss auf sie nehmen zu können. Wenn Emotionen aber nicht biologisch fixiert, sondern mental konstruiert sind, unterscheiden sie sich nicht von Kognitionen. Kognitionen bündeln kulturelles und individuelles Erfahrungswissen in Konzepten und Begriffen. Durch Akte des bewussten Wahrnehmens und Denkens sind sie jederzeit wandelbar.

Wenn wir Emotionen nicht als biologische, sondern als soziale Realität betrachten, können wir auch besser verstehen, wie Coaching wirkt. Coaching bietet einen Raum, in dem Menschen ihre emotionalen Konstrukte, wie beispielsweise Wut, Frustration oder Angst, überprüfen und auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungen aktualisieren können. Wer seine emotionalen Konzepte verändert, verändert auch seine Realität.

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