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Mit dem Tastsinn fängt alles an

11. Dezember 2018

gruppe

Schon seit über einem Jahrzehnt hat die Embodiment-Forschung, spezialisiert auf die Wechselwirkungen von Körper und Geist, die zentrale Bedeutung des Fühlsinns und der Emotionen für unser Denken untersucht. In den letzten Jahres ist nun auch die Rolle der Haptik in den Blick der Forschung gerückt. Mit Homo Hapticus zeigt der Psychologe Martin Grunwald, dass es sich beim Tastsinn um eine Art biologische Ursprache handelt, ohne die wir nicht leben können.

Grunwald, Leiter des Leipziger Haptik-Forschungslabors für Hirnforschung und Pionier in der Haptikforschung, hat sich zum Ziel gesetzt, der seiner Auffassung nach mit der Überbewertung des Sehsinns einhergehenden „Nichtbeachtung“ des Tastsinns in Psychologie und Medizin entgegenzuwirken. Auch für den Coach ist das Wissen um die Rolle des Tastsinns von einiger Tragweite, hängt doch das „gefühlte Selbstbild“ des Menschen, sein Körperschema, von ausreichendem Körperkontakt und der Nähe zu anderen Menschen ab. Denn, so die Haptikforschung, „gut gedeiht, wer Nähe spürt.“

Der Tastsinn ist auch elementar zum Verständnis von Sprache. Der „Begriff“, formuliert Grunwald, kommt von „Begreifen“. Über den Tastsinn entwickeln Menschen nicht nur das motorische und sensorische System. Der Tastsinn schafft auch die Grundlagen für Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. Wer als Kind wenig Berührung genießt und überdies eindimensional visuell-auditiven Reizen ausgesetzt ist, kann nicht sein volles Lern- und Sprachvermögen entwickeln und die Welt physisch wie körperlich begreifen.

Digitalen Lern- und Anwendungsangeboten ermangelt es leider an genau den haptischen Qualitäten, auf die insbesondere junge Gehirne angewiesen sind. Nicht von ungefährt ist daher ausgerechnet im IT-Projektmanagement die Entwicklung eines Gegentrends zur Digitalisierung zu beobachten. Anstelle elektronischer Medien nutzt man dort wieder zunehmend handgeschriebene Kladden sowie physische Whiteboards und Papier-PostIts, um kreative Prozesse anzustoßen und sich zu organisieren.

Für den sinnes- und körperspracheorientierten NLP-Coach ist Grunwalds Buch eine spannende Grundlagenlektüre zum Verständnis der haptischen Seite der Kinästhetik. Vielleicht liefert es auch die ein oder andere Anregung zur Umgestaltung der Coaching-Atmosphäre: Weiche Stühle beispielsweise, so Grunwald, machen Menschen tendenziell empathischer und entspannter, während Menschen auf harten Stühlen eher zu starren Positionen neigen.

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