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Neurotraining für die Psyche

24. Mai 2022

Die Botschaft, dass Körper, Emotionen und Geist Teile desselben Systems darstellen, hat keinen Neuigkeitswert mehr. Schon seit zwei Jahrzehnten werden die Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist, vermittelt über unser Gehirn, intensiv erforscht. Doch in jüngster Zeit hat sich durch diese Entwicklung auch der therapeutische Fokus verschoben. Bislang als psychisch kategorisierte Probleme werden inzwischen immer häufiger auch aus neuronaler Perspektive betrachtet und auf neuen körperorientierten Wegen behandelt.

Ein Beispiel für diesen Trend liefert das von den Sporttrainern Lars Lienhard und Ulla Schmid-Fetzer verfasste Buch zur Neuronalen Heilung. Darin beschäftigen sie sich mit den Funktionen der Inselrinde, die für die innere Wahrnehmung zuständig ist. Mit einfachen und größtenteil bereits bekannten, aber in ihrer Wirkung durchaus verkannten Körperübungen zielen sie darauf, die Balance zwischen den zwei zentralen Kräften unseres vegetativen Nervensystems, dem Sympathicus und dem Parasympathicus, zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Dazu ist es wichtig, dass die Inselrinde Informationen aus der Umwelt, dem Körperinneren, dem Fühlen sowie der Bewegung bestmöglich integriert.

Der hintere Teil der Inselrinde beurteilt vor allem die über den Vagusnerv eingehenden Informationen, Gefühlsintensitäten und sowie Gleichgewichtssignale. Der mittlere Teil prozessiert Geruch, Geschmack, akustische Signale sowie weitere Aspekte des Gleichgewichts. Im vorderen Teil geht es um die bewusste Wahrnehmung und die kognitive Beurteilung der Informationen. Die Inselrinde steht wiederum in enger Verbindung mit dem Frontallappen, der es ermöglicht, auf Impulse angemessen zu reagieren.

Das Training des Vagusnervs, Gleichgewichts- und Geruchs- sowie Geschmacksübungen, kombiniert mit Augenübungen, akustischen Übungen und Atemübungen, regulieren innere Vorgänge wie Emotionen und zum Beispiel Essverhalten. Sie bereiten außerdem den Boden für die Fähigkeit, das sozial-emotionale Zentrum im vorderen Bereich der Inselrinde gut zu steuern. Hinweise auf eine Dysbalance in diesem Bereich können Stress, Phobien, Panikattacken und depressive Stimmungen sein.

Mit dem Wissen um körperorientierte Methoden eröffnen sich neue Selbsthilfemöglichkeiten für Menschen, die ihr Körpergefühl verbessern, Stress reduzieren, Emotionen regulieren und ihre Aufmerksamkeit für Aufgaben schärfen wollen. Den Wirksamkeitsnachweis des beschriebenen Trainings insbesondere für die psychischen Anwendungen können natürlich nur entsprechende Studien erbringen. Dass sich neuronales Training messbar positiv auf die körperliche Leistungsfähigkeit auswirkt, haben die Autoren als Trainer im Spitzensport jedenfalls bereits bewiesen.

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