Archive for the 'Coachee & Coaching-Nutzen' Category

Coaching oder Therapie?

5. Juli 2019

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Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Coaching und Therapie? Wann ist Coaching und wann eher Psychotherapie angezeigt? Was sollten Klienten wissen, die in der einen oder anderen Form begleitet werden möchten? Und welche praxisorientierten Kriterien gibt es, um Therapie- von Coachingbedarf zu unterscheiden?

Natürlich lernen Coachs gleich zu Beginn ihrer Ausbildung, Coaching von Therapie zu abzugrenzen. Doch für ihre Klienten ist es oft nicht leicht, den Unterschied zu verstehen. Selbst in Unternehmen, die Coachingmaßnahmen für ihre Mitarbeiter organisieren, verschwimmen in der Wahrnehmung gelegentlich die trennenden Kriterien. Coaching wird dann als Business-Variante der Therapie missverstanden.

Was leistet Coaching? Coaching ist die Begleitung von Menschen beim Entwickeln eigener Lösungsideen für Probleme, Herausforderungen und Ziele. Die Maßnahme Coaching setzt daher Gesundheit bzw. die Fähigkeit des Klienten zur Eigenverantwortlichkeit und Selbstsregulation voraus. Im Abgrenzung dazu ist Psychotherapie eine Methode zur Heilung psychischer Krankheiten. Immer wenn die Begriffe Heilung und Krankheit ins Spiel kommt, sind Therapeuten, und nicht Coachs gefragt.

Heilberufe unterliegen, im Gegensatz zu Coaching, klaren gesetzlichen Maßstäben. Die Ausbildung und Berufstätigkeit von Mensch in Heilberufen sind in Deutschland in Bundes- und Landesgesetzen geregelt. Klare Regeln gibt es auch dafür, welche Zustände als krank gelten und in der Regel Heilungsbedarf nach sich ziehen. Weil physische und  psychische Krankheiten mit einer verminderten Selbstregulationsfähigkeit einhergehen, ist hier das Spezialwissen von Therapeuten gefragt. Denn aufgrund ihrer Ausbildung sind sie in der Lage, Chancen und Risiken der gewählten Maßnahmen einzuschätzen.

Daher gilt für Klienten wie für Coachs: Wenn eine Diagnose vorliegt, sollte der erste Weg zur Therapie führen. In der Praxis heißt das aber nicht, dass Therapie und Coaching sich ausschließen. Nach sorgfältiger Absprache können sich beide Maßnahmen ergänzen und in ihrer Wirkung potenzieren. Zwar arbeiten auch viele Therapeuten mit lösungs- und zukunftsorientierten Herangehensweisen. Viele Klienten schätzen aber am Coaching, dass sie durch die Ausrichtung an Zielen schnell besser mit ihrem alltäglichen Herausforderungen zurechtkommen.

Sowohl Coachs als Klient sollten sich in der Praxis immer darüber im Klaren sein, dass  die Abgrenzung von Krankheit und Gesundheit oft eine Einschätzungsfrage ist. Wenn der Coach allerdings feststellt, dass es dem Klienten nach zwei, drei Stunden nicht gelingt, Zielklarheit zu gewinnen, ist eine fachliche Abklärung gefragt. So mancher Prozess braucht natürlich Zeit. Aber auch der Klient, der sich für ein Coaching entscheidet, sollte nach Ablauf der ersten zwei, drei Coachings genau prüfen, ob er eine Tendenz zur Verbesserung spürt.

Coaching oder Therapie? Natürlich spielen auch die Finanzen eine Rolle, nachdem die gesundheitlichen Voraussetzungen sorgfältig abgeklärt worden sind. Coaching führt Menschen, die entsprechende Regulationsfähigkeit vorausgesetzt, in einer überschaubaren Anzahl von Sitzungen zum anfangs definierten Ziel. Therapien dauern in der Regel länger. Sie sind aber, im Gegensatz zu Coaching, mehrwertsteuerbefreit und werden von einigen Kassen übernommen oder unterstützt.

Von allen Ängsten befreit?

28. Februar 2019

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„Ein Großteil aller Traumata, Neurosen, Phobien und Angststörungen kann in weniger als zehn Sitzungen vollständig aufgelöst werden“, so Klaus Bernhardt, Bestsellerautor und selbsternannter Angstexperte. In seinem Buch Panikattacken und andere Angststörungen loswerden verspricht er vollmundig „eine völlig neue Art der Angsttherapie …, die die Verarbeitungsprozesse unseres Gehirns gezielt nutzt.“

Diese neue Therapieform, die laut Klappentext ihren Ursprung in der modernen Hirnforschung finde, habe „… rein gar nichts mehr  mit dem zu tun, was hierzulande als Standard bezeichnet wird“. Der Blick in das Innere des Buches erstaunt dann aber sehr. Bernhardt verwendet Methoden, die seit den siebziger Jahres des letzten Jahrhunderts zu den NLP-Standards gehören, wie wohlgeformte Ziele, VAKOG und Submodalitätenarbeit. Der Hinweis auf NLP bleibt allerdings konsequent aus.

Die genannten NLP-Herangehensweisen sind in der Tat sehr einfach und wirkungsvoll, wie Tausende NLP-Anwender bezeugen können. Darüber hinaus haben sie sich vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der modernen Neurobiologie in der Tat als sehr gehirngerecht erweisen. Die von Bernhardt versprochene Revolutionierung der therapeutischen Vorgehensweisen löst er jedoch mit keiner der vorgestellten Methoden ein.

Offenbar suchen viele Menschen mit Ängsten nach einem Rettungsanker, den sie entweder bei den etablierten Methoden nicht suchen oder vielleicht dort auch nicht finden. Da reichen dann offenbar ein paar hippe Buzzwords wie Hirnforschung, Embodiment und neuronale Plastizität sowie einige entliehene Vorgehensweisen unter neuem Namen, um eine Bewegung loszutreten.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die neueste Medizin jeweils am besten wirkt. Bernhardt bedient dieses Bedürfnis offenbar perfekt. Warum nicht an dieser Stelle von ihm lernen und bewährte Konzepte so ansprechend und anregend präsentieren, dass ihr Nutzen von Betroffenen leicht erkannt werden kann?

Coaching in Zahlen

29. Januar 2019

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Geht man von der Popularität und Verbreitung des Begriffs aus, könnte man glauben, dass Coaching in Deutschland bereits zu einer Standard-Dienstleistung für Menschen aller Berufe und Hierarchieebenen geworden ist. Stimmt dieser Eindruck? Welchen Stellenwert nimmt Coaching inzwischen im Gesamtportfolio des Beratermarkts ein? Wie entwickeln sich Coaching-Markt und -Preise? Welche Trends zeichnen sich ab?

Tatsächlich ist der deutsche Coaching-Markt nach dem US-amerikanischen und britischen der drittgrößte Markt für Coaching-Dienstleistungen weltweit. Als Instrument der Personalentwicklung hat sich Coaching in Deutschland hierarchieübergreifend fest etabliert. Der Schwerpunkt im Business Coaching liegt jedoch nach wie vor beim gehobenen und mittleren Management. Allerdings zeichnet sich ab, dass Coaching zunehmend von öffentlichen Einrichtungen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen angefragt wird, die über 80 Prozent der deutsche Arbeitsplätze bieten. Zudem gibt es Indizien dafür, dass sich der Privatkundenmarkt ausweitet.

Von einem weiteren Wachstum ist daher derzeit auszugehen. Zumal der Marktanteil von Coaching, gemessen am Gesamtvolumen des deutschen Beratermarkts im Umfang von 31,5 Mrd. Euro im Jahr 2018 (Facts & Figures zum Beratermarkt 2018 vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V.), nach wie vor noch ausbaufähig ist. Da keine aktuellen Zahlen vorliegen, sei hier zum Vergleich der Coaching-Umsatz aus dem Jahre 2013 im Umfang von etwa 450 Mio. Euro genannt (Quelle: 3. Marburger Coaching-Studie 2013, Philipps-Universität Marburg).

Der deutsche Coaching-Markt ist geprägt durch Einzelanbieter, die mehrheitlich freiberuflich tätig sind. Allerdings leben weniger als 10 Prozent der Coachs nur von  Coaching. Coaching ist ein Zusatzgeschäft. Denn ein Coach begleitete 2017 im Mittel nicht mehr als 24 Coaching-Prozesse im Umfang von 12,3 Stunden (Quelle: Coaching-Umfrage, Jörg Middendorf). Durchschnittlich erwirtschaftete er im Geschäftskundenbereich pro Stunde 181,67 Euro, im Privatkundenbereich durchschnittlich 126,30 Euro. Am wenigsten rechnen nebenberufliche Coachs ab, am meisten institutionelle Anbieter. Die Honorarhöhe hängt aber auch von der Erfahrung und vom Alter des Coachs ab. Auch die Spezialisierung auf die Zielgruppe Executives zahlt sich, wie viele Untersuchungen bestätigen, finanziell aus.

Die hohen menschlichen Anforderungen des schnellen Wandels in Wirtschaft und Lebenswelt sind in wachsendem Maße ein Motor für die Inanspruchnahme der Dienstleistung Coaching. Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen inzwischen Coaching nicht mehr aus einer defizit-, sondern lösungsorientierte Perspektive betrachten und es zunehmend proaktiv einsetzen. Beispielsweise sind in agilen Unternehmen und Unternehmens-Einheiten Teams auf die Begleitung eines in- oder externen Coachs als Teil der Methode angewiesen.

Mit dem Tastsinn fängt alles an

11. Dezember 2018

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Schon seit über einem Jahrzehnt hat die Embodiment-Forschung, spezialisiert auf die Wechselwirkungen von Körper und Geist, die zentrale Bedeutung des Fühlsinns und der Emotionen für unser Denken untersucht. In den letzten Jahres ist nun auch die Rolle der Haptik in den Blick der Forschung gerückt. Mit Homo Hapticus zeigt der Psychologe Martin Grunwald, dass es sich beim Tastsinn um eine Art biologische Ursprache handelt, ohne die wir nicht leben können.

Grunwald, Leiter des Leipziger Haptik-Forschungslabors für Hirnforschung und Pionier in der Haptikforschung, hat sich zum Ziel gesetzt, der seiner Auffassung nach mit der Überbewertung des Sehsinns einhergehenden „Nichtbeachtung“ des Tastsinns in Psychologie und Medizin entgegenzuwirken. Auch für den Coach ist das Wissen um die Rolle des Tastsinns von einiger Tragweite, hängt doch das „gefühlte Selbstbild“ des Menschen, sein Körperschema, von ausreichendem Körperkontakt und der Nähe zu anderen Menschen ab. Denn, so die Haptikforschung, „gut gedeiht, wer Nähe spürt.“

Der Tastsinn ist auch elementar zum Verständnis von Sprache. Der „Begriff“, formuliert Grunwald, kommt von „Begreifen“. Über den Tastsinn entwickeln Menschen nicht nur das motorische und sensorische System. Der Tastsinn schafft auch die Grundlagen für Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. Wer als Kind wenig Berührung genießt und überdies eindimensional visuell-auditiven Reizen ausgesetzt ist, kann nicht sein volles Lern- und Sprachvermögen entwickeln und die Welt physisch wie körperlich begreifen.

Digitalen Lern- und Anwendungsangeboten ermangelt es leider an genau den haptischen Qualitäten, auf die insbesondere junge Gehirne angewiesen sind. Nicht von ungefährt ist daher ausgerechnet im IT-Projektmanagement die Entwicklung eines Gegentrends zur Digitalisierung zu beobachten. Anstelle elektronischer Medien nutzt man dort wieder zunehmend handgeschriebene Kladden sowie physische Whiteboards und Papier-PostIts, um kreative Prozesse anzustoßen und sich zu organisieren.

Für den sinnes- und körperspracheorientierten NLP-Coach ist Grunwalds Buch eine spannende Grundlagenlektüre zum Verständnis der haptischen Seite der Kinästhetik. Vielleicht liefert es auch die ein oder andere Anregung zur Umgestaltung der Coaching-Atmosphäre: Weiche Stühle beispielsweise, so Grunwald, machen Menschen tendenziell empathischer und entspannter, während Menschen auf harten Stühlen eher zu starren Positionen neigen.

Coaching als Denkpartnerschaft

15. November 2018

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Mit Time to Think hat Nancy Kline, Trainerin und Coach aus den USA, bereits 2015 die Macht des unabhängigen Denkens hervorgehoben und Räume eingefordert, in denen freies Denken kultiviert werden kann. Marion Miketta, Trainerin und Coach aus Berlin, hat mit Thinking Environment nun einen Leitfaden veröffentlicht, der typische Anwendungskontexte aufzeigt. Besonders interessant für den Coach: Der Coachingraum als als Ort einer Denkpartnerschaft.

In unserer tool-getriebenen Zeit erinnert Miketta daran, dass Coaching sich als dienende Profession versteht. Der Kutscher bzw. Coach begreift sich als Steuermann eines Vehikels bzw. Denkprozesses, der den Klient zum Erreichen seiner selbstgesetzten Ziele führt. Mit seiner Haltung und seinen Methoden erschafft der Coach eine Atmosphäre außerhalb des Alltags, in der schöpferische Ideen wieder Platz finden können.

Die Aufgabe des Coachs ist daher nicht das Zuhören, um zu reagieren oder Tools anzuwenden. Stattdessen geht es um das Zuhören als gelebte Achtsamkeitspraxis. Die Präsenz des Coachs im Hier und Jetzt erlaubt es dem Klienten, vertrauensvoll dem eigenen Gedankenstrang zu folgen und diesen selbsttätig weiterzuentwickeln. Durch seinen Aufmerksamkeitsfokus auf den Klienten erschafft der Coach den Denkraum, den der Klient in anderen Kontexten oft vermisst.

Aber auch in einem Thinking Environment stellt der Coach aktiv Fragen, um seine Rolle als Denkpartner auszufüllen. Seine Fragen thematisieren vor allem die Annahmen des Klienten, die einer Lösung im Wege stehen. Leitgedanke des Coachs ist es, mit jedweder Frage Öffnung zu schaffen, anstatt kategorisierende und bewertende „Schubladen“ zu erzeugen. Für den systemischen NLP-Coach bietet das Coaching in Form des Denkzirkels daher sehr wertvoller Anregungen.

Ein großer Nachteil des Buches sollte jedoch auch nicht unerwähnt bleiben: Mit der offensiven Art, mitten im Fachtext auf ihre Seminare und Ausbildungen zu verweisen, erzeugt Marion Miketta einen faden Beigeschmack.

Ist Coaching weltanschaulich neutral?

18. September 2018

Mann mit Handy

Der Respekt vor den Weltmodellen anderer Menschen ist eine der Säulen des Coaching-Berufs. Zu den ethischen Kompetenzen eines Coachs zählt es, sich in der Ausübung seines Berufs allparteilich bzw. neutral zu verhalten. Verurteilt er die Weltsichten seiner Klienten, untergräbt der Coach sein eigenes Ziel, die wirkungsvolle Anregung zur Selbstführung.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die Coaching-Methode selbst als weltanschaulich neutral gelten darf? Eindeutig nein. Denn die Coaching-Methode setzt ein auf Gleichheit, Pluralismus und Selbstbestimmung beruhendes Weltverständnis voraus. Sie steht in der Tradition der humanistischen Psychologie, die den Menschen ganzheitlich als Körper-Seele-Geist-Einheit betrachtet. Coaching betont daher die Wachstumspotenziale des Menschen und sein Recht zum Streben nach sinnhafter, werteorientierter Selbstverwirklichung.

Eine weitere zentrale Säule des Coachings ist der Konstruktivismus. Er zeigt auf, dass das menschliche Welterleben auf einem konstruktiven Akt beruht. Menschen erschaffen Weltbilder in Form mentaler Landkarten, die kommunikativ veränderbar sind. Doch der konstruktive Charakter menschlicher Weltbilder liefert keine Ausrede für ethische Beliebigkeit. Weltsichten, die die Würde und das Selbstbestimmungsrecht in Frage stellen, zerstören auch die Erfolgsbedingungen für Coaching.

Coaching gedeiht und wirkt daher nur in einem Umfeld der Toleranz und gegenseitigen Akzeptanz. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft lebt es vom Miteinander anstelle vom Gegeneinander. Coaching braucht und fördert eine dialogorientierte Kommunikationskultur anstelle des polarisierenden Schlagabtauschs. Für Coachs gilt es aus diesem Grund, Farbe zu bekennen, wenn in ihrem Umfeld diese Werte in Frage gestellt sind.

Relevanz von Coaching steigt weiter

29. Mai 2018

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Zusammen mit der Abteilung Sozialpsychologie der Universität Salzburg hat Xing Coaches & Trainer eine Befragung unter 750 deutschsprachigen Personalern durchgeführt und ein Whitepaper zu Coaching als Instrument der Personalentwiclung verfasst. Wichtigstes Ergebnis: Während vor zwei Jahren die Relevanz von Coaching noch auf 26,2 Prozent geschätzt wurde, liegt sie heute bei 49,0 Prozent – Tendenz steigend.

Zwei Drittel der befragten Unternehmen setzen Coaching bereits als Maßnahme der Personalentwicklung ein. Über 50 Prozent der übrigen Unternehmen planen ebenfalls, Coaching in ihr Maßnahmenpaket zu integrieren. Hauptzielgruppe für Coaching bleiben aber nach wie vor Führungskräfte. Und so rangieren auch die Themen Führungskompetenz und Konfliktbewältigung ganz oben in der Liste der Coaching-Themen.

Über zwei Drittel der Führungskräfte, die sich coachen lassen, streben das Coaching auf eigenen Wunsch an. 62,9 Prozent der Führungskräfte nutzen Coaching als Bestandteil eines strategischen Führungskräfte-Entwicklungsprogramms. Das so genannte Problemkandidaten-Coaching betrifft 44,1 Prozent. Aber auch Mitarbeiter werden gecoacht, entweder auf eigenen Wunsch oder als Teil der Mitarbeiterentwicklung. Rund 41 Prozent der Coachings zählen zu diesen Kategorien.

Wer im Unternehmen bucht das Coaching? Und welche Kriterien spielen dabei eine Rolle? In über 55 Prozent der Fälle geht die Entscheidung für einen Coach von der Personalabteilung aus. In nur 22 Prozent entscheidet die Fachabteilung über die Wahl. Dabei gibt es eine starke Bevorzugung externer Coach aufgrund deren Neutralität. Das Whitepaper bestätigt eine Beobachtung, die sich auch in anderen Studien bereits abgezeichnet hat: Nicht Zertifikate entscheiden letztendlich über die Wahl des Coachs, sondern vielmehr positive Referenzen und langjährige Erfahrung. Coachs im Alter unter 35 haben es schwer.

Erfolgskontrolle ist noch kein zentrales Thema bei der Auswertung von Coaching-Maßnahmen. Über ein Viertel der befragten Unternehmen verzichtet ganz auf eine Erfolgskontrolle, 46 Prozent wenden einen selbsterstellten Zufriedenheitsbogen für die Klienten an. 30,5 Prozent legen objektiv messbare Zielkriterien zugrunde. Weitere objektive und validierte Methoden liegen bei 17 Prozent und darunter.

 

Typologien im systemischen Coaching?

3. Mai 2018

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Typologien sind beliebt. Schnell liegt das zumeist elektronisch ermittelte Testergebnis auf dem Tisch und liefert uns ein plastisches Bild unserer Eigenschaften und Motive sowie unsere Stärken und Schwächen. Wir erkennen Verhaltensmuster und erschließen uns Zusammenhänge, für die uns vorher keine Sprache zur Verfügung stand. Durch die Typologie erhält unser Selbst eine erkennbare und damit für uns greifbarere Gestalt.

Doch passen Typologien ins systemische Coaching? Oder wirken sie wie fixe Diagnosen, auf die systemisches Coaching verzichten will? In der Tat entwickeln sich Typologien, die ja in erster Linie nur Muster aufzeigen wollen, unter der Hand zu Diagnosen, die ihre eigene Wirklichkeit kreieren. Denn die einer Typisierung folgenden Beobachtungen sind unbewusst auf deren Bestätigung ausgerichtet. Orientieren sich Klient und Coach an Typologien, erschaffen sie also schnell eine selbsterfüllende Prophezeiung. Informationen, die nicht in das Bild passen, blenden sie tendenziell aus.

Der systemische NLP-Coach dagegen arbeitet lieber mit flüssigen Hypothesen, die je nach Informationsstand flexibel angepasst werden können. Generell verzichtet er auf Arbeitsweisen und Methoden, die selbstbestätigend wirken können. Darüber hinaus vermeidet er es, dem Klienten ein statisches Bild seiner Persönlichkeit zu spiegeln. Aus diesem Grund stellen systemische Coachs auch mehr Fragen, als Aussagen über den Klienten zu formulieren.

Denn trotz einer möglicherweise sehr guten Aufklärung über den Stellenwert von Typologien fällt es dem Klienten in der Regel schwer, sich der Typisierung zu entziehen. Gerne setzt er sein Ich mit dem ermittelten Typ gleich, alle Vorzüge und Nachteile eingeschlossen: So bin ich halt! Dadurch fällt es dem systemischen NLP-Coach schwerer, beim Klienten Impulse für Veränderung und Wandel zu setzen und zu Schritten zur lösungsorientierten Gestaltung einer neuen Zukunft zu inspirieren.

Typologien können keine Abbildungen von Menschen liefern, so gut sie auch wissenschaftlich evaluiert sein mögen. Sie sind immer nur Generalisierungen bzw., in NLP-Sprache ausgedrückt, Modelle oder große Chunks, die bestimmte Qualitäten eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt hervorheben und dabei andere unter den Tisch fallen lassen. Sie vereinfachen im positiven wie im negativen Sinne.

Insofern liefern Typologien auch dem systemischen NLP-Coach mitunter Impulse und Ideen. Doch der Coach muss jederzeit zur präzisen, kleinchunkigen Beobachtung und zum relativierenden Widerspruch bereit sein. Denn letztlich geht es im systemischen Coaching vor allem um Selbstentdeckung und die Freude daran, eigenständig zu entscheiden, wer man sein will.

Mit List das Richtige tun?

1. Februar 2018

Der Nobel-Preis-Gewinner 2017 für Wirtschaftswissenschaften, Richard Thaler, hat in seinem 2008 mit Cass Sunstein verfassten Buch Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt, eine Formel auf den Punkt gebracht, die „ … andere dazu bewegt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Denn, so das Cover, „Menschen verhalten sich von Natur aus nicht rational. Nur mit einer Portion List können sie dazu gebracht werden, vernünftig zu handeln.“ Unter Nudging versteht er die Methode, das Verhalten durch kleine subliminale Schubser oder Anstöße auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen. 

Wie steht ein systemischer NLP-Coach zum Nudging? Ist Nudging eine Methode, die auch im Coaching gezielt genutzt werden kann? Das hängt von einer zentralen Voraussetzung ab: Systemisches Coaching mit NLP stellt Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit in den Mittelpunkt. Die Ziele des Klienten entscheiden darüber, wohin die Coaching-Reise geht.

Wer aber menschliches Verhalten als von Natur aus nicht rational einstuft und aus diesem Grund auf List setzt, entmündigt den Klienten und sprengt die Rolle des Coachs. Wenn Coach und Klient sich nicht auf Augenhöhe begegnen, sind Nudging-Methoden tatsächlich herablassend und manipulativ. Denn der Coach entscheidet dann nach seinen Maßstäben, was gut für den Klienten ist.

Den Werterahmen des systemischen Coachings vorausgesetzt, kann Nudging als Oberbegriff für Methoden, die mit dem Unbewussten arbeiten, durchaus eine Rolle spielen. Und genau genommen nutzt der Coach sie bereits. Wann immer er ein Thema des Klienten sprachlich neu rahmt und in einen erweiterten, verengten oder neuen Kontext stellt, schubst er seinen Klienten in eine neue Richtung. Wann immer er bewusst hypnotische Sprache gebraucht und dabei zum Beispiel positive Vorannahmen und metaphorische Vergleiche einflicht, liefert er subliminale Anstöße. Gleiches gilt zum Beispiel auch für die NLP-Anker-Technik.

Beim Einsatz dieser Methoden sollte der entscheidende Unterschied jedoch immer darin liegen, dass der Klient, nicht der Coach, über die Klugheit seiner Entscheidungen urteilen kann. Denn der Coach steht im Dienste der Selbstorganisation des Klienten. Er hat die Aufgabe, den vorab klar formulierten Arbeits-Auftrag zu erfüllen. Wenn nicht, erübrigt sich der Coach.

Die eigenen Gene prägen

3. Januar 2018

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Gesundheit ist kein Zufall. Das gilt sowohl für die körperliche als auch die seelisch-geistige Gesundheit. Doch können wir unsere eigenen Gene prägen? Können wir Einfluss darauf nehmen, wie sich unser eigenes Genpotenzial auf uns und unsere Nachfahren auswirkt? Mit diesen Fragestellungen hat sich der Wissenschaftsjournalist Peter Spork befasst und die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik zusammengetragen. Welche Erkenntnisse ergeben sich daraus für Therapeuten und Coachs?

Doch zunächst zum Begriff der Epigenetik. Epigenetik ist die Wissenschaft von der Steuerung der Gene. Sie untersucht, wie Umwelteinflüsse, Klima und Lebensstil dafür sorgen, dass genetische Potenziale eingeschaltet, gedimmt oder gänzlich ausgeschaltet werden. Körperliche und seelisch-geistige Resilienz sowie die Intelligenz eines Menschen sind zwar durch das Genpotenzial vorgegeben. Doch entscheidender als dieses vererbte Potenzial ist die durch äußere Umstände und das eigene Verhalten beeinflussbare Genregulation. Die gemeinsame Regulation aller Gene, so Spork, … ist deshalb viel entscheidender als die Frage, welche der einzelnen Genvarianten man ererbt hat.

Aus epigenetischer Warte ist Gesundheit daher kein Schicksal, sondern ein dynamischer Prozess. Denn sie entwickelt sich immer wieder neu. Entscheiden sich Menschen im Verlaufe des Lebens wieder und wieder für günstige Verhaltensweisen, wächst das, was wir Gesundheit nennen. Dabei geht es nicht nur darum, gesünder zu essen, Giftstoffe zu meiden und mehr Sport zu treiben. Auch auf der geistig-seelischen Ebene führt gesundes Verhalten zur positiven Genregulation, wie Spork mit einem Beispiel aus der PTBS-Forschung zeigt: Mit einer Psychotherapie konnte ein für Panikzustände typisches Genaktivierungsmuster messbar verändert werden.

Die Epigenetik zeigt aber auch, dass Gesundheit nicht allein ein individuelles Projekt ist, sondern sich über drei Generationen erstreckt. Gesundheit beginnt aus epigenetischer Sicht bereits in der Kindheit der Großeltern. Denn deren Lebensstil und deren Lebenserfahrungen wirken sich auf das Genprofil der Enkelgeneration aus. Noch unmittelbarer beeinflussen die Eltern die Gesundheit ihres Kindes, und zwar nicht erst ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Nachweisbar hinterlässt das elterliche Verhalten drei Monate vor der Schwangerschaft noch Spuren für die Gesundheit des Kindes.

Epigenetische Einflusse gelten natürlich im Guten wie im Schlechten. Seelische Traumata zum Beispiel hinterlassen nicht nur Narben auf der Seele der (Groß-)Eltern, sondern wirken sich auch epigenetisch durch veränderte Stoffwechselvorgänge auf die Psyche der (Enkel-)Kinder aus. Wichtig für Therapeuten und Coachs zu wissen: Während die durch Traumatisierung bewirkte epigenetische Veränderung bei den direkt Betroffenen sogar eine größere Stressresistenz bewirken kann, kehrt sich dieser Effekt in den Nachfolgegenerationen um. Die Nachfahren werden stressanfälliger und empfindlicher.

Doch auch dieser Prozess ist umkehrbar. Entscheidend ist allein, ob wir die Verantwortung für unsere Potenziale übernehmen. Ein gesundheitsförderndes Umfeld, gesundes Essen, viel Bewegung und natürlich seelische Hygiene, die auch Therapie und Coaching umfassen kann, entscheiden über unseren Gesundheitszustand.

 

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