Archive for the 'Vor-Gelesen' Category

Wandel 4.0 gestalten

12. April 2021

Wie geht das – wirksame Veränderung unter den Bedingungen maximaler Unsicherheit? In seinem Buch Change Maker vermittelt der Berater Olaf Hinz kompakt, wie sich das Change Management 4.0 vom klassischen Veränderungs-Management unterscheidet. Sein Transformations-Manual zeigt außerdem, wann welche agilen und systemischen Moderations-Methoden in komplexen Veränderungsprojekten sinnvoll zum Einsatz kommen können.

Das Motto des Buches lautet: „Es gibt kein gutes oder schlechtes, sondern nur wirksames und unwirksames Change Management“. Der bewussten Wahl der Methoden kommt daher ein hoher Stellenwert zu. Hinz gelingt es auf knappem Raum, systemisch-agile von linearen Herangehensweisen plastisch abzugrenzen. Er bietet einen Überblick und eine Kurzeinführung in viele innovative Methoden, die in Zeiten der hohen Komplexität und des schnellen Wandels dazu geeignet sind, die Selbstorganisation in Teams und Organisationen zu fördern.

Wer Transformationen kreativ und unter produktiver Nutzung der damit in der Regel verbundenen Widerstände gestalten möchte, findet zahlreiche Anregungen in diesem Buch. Aber auch die wesentlichen Prinzipien der guten Veränderungsarbeit werden deutlich: Im Zentrum des Wandels sollte immer die Zufriedenheit der Kunden stehen. Zum Erreichen dieses Ziels ist es wesentlich, die Meinungsfindungs- und Entscheidungsprozesse in Teams sowie die Rolle der Führung neu zu organisieren. Dazu unerlässlich ist eine offenen Kommunikation, an der alle teilhaben können. Aber auch neue Entscheidungsmethoden jenseits des Machtworts oder des Mehrheitsentscheids sind gefragt.

Veränderungs-Management 4.0 entwickelt keine Konzepte aus einem Guß, die bei ihrer Fertigstellung angesichts des schnellen Wandels bereits veraltet sein können. Stattdessen bevorzugt es das iterative Arbeiten in Feedbackschleifen und Lernzyklen, wie wir es aus dem agilen Projektmanagement sowie aus dem NLP kennen. Je früher ein Projekt scheitert und je schneller aus den gemachten Fehler gelernt werden kann, umso besser. Nicht Best Practice ist das Ziel, sondern das schnelle Entwickeln von Lösungen, die gut genug sind, um die gewünschten Anforderungen zu erfüllen.

Mit einer 144-Seiten-Lektüre erlernt man nicht das Handwerkszeug des Change-Managers. Aber der Umfang reicht, um die Herausforderungen einer Zeit zu verstehen, die sich durch Globalisierung und Digitalisierung in zunehmendem Tempo transformiert. Wer Veränderungsprozesse moderierend begleiten möchte, erhält darüber hinaus eine Vielzahl an methodischen Ideen.

Storytelling als Selbstcoaching-Methode

26. Februar 2021

„Erzähl Dein Leben neu“, heißt Rebecca Vogels Appell in ihrem Buch zum Personal Storytelling. Storytelling ermöglicht nicht nur, den eigenen Lebensweg in attraktiver Verpackung an andere zu kommunizieren. Das bewusste Erzählen der eigenen Geschichte, so Rebecca Vogels, ist auch ein innerlicher Prozess, der „… dir zeigt, wer Du wirklich bist.“ Denn oft leben wir unsere Geschichte so selbstverständlich und kaum hinterfragt, dass wir sie für die Realität an sich halten.

Rebecca Vogels lädt dazu ein, den Wahrheitsgehalt der eigenen Geschichte auf die Probe zu stellen: Welche Perspektive nehme ich ein, wenn ich auf mein Leben schaue? Bin ich ein Verlierer oder ein geborenes Sonntagkind? Wie heißt der rote Faden, der sich durch meinen Werdegang zieht? Erkenne ich Alternativen zu den bisherigen Blickwinkeln auf mein Leben?

Hilfreich ist auch der Blick auf die einzelnen Kapitel der eigenen Geschichte: Welche nehmen viel Raum ein? Welche würde ich gerne umschreiben? Diese Fragen bringen nicht selten auch einen klareren Blick auf die zukünftigen Kapitel im Leben hervor, die wir unbedingt noch schreiben wollen.

Mit einer frischen Perspektive auf den eigenen Lebensweg wird schnell deutlich, welche Motivatoren die eigene Persönlichkeit vorantreiben und welche Visionen unbedingt gelebt werden wollen. Zwar lösen sich nicht unmittelbar alle alten Zweifel auf. Doch im Verlaufe des Storytelling-Prozesses wird so mancher alter Glaubenssatz in Frage gestellt und durch produktivere Gedankengänge ersetzt.

Vogels Ideen und Anregungen zum Personal Storytelling sind praktisch und lebensnah. Ihre eigene Geschichte überfrachtet sie allerdings, indem sie sie zum roten Faden durch die Methode des Geschichtenerzählens einsetzt. Weniger Worte und Wiederholungen hätten dem Buch gut getan.

Mit Haltung führen

15. Januar 2021

Haltung entscheidet. So der Leitgedanke des Unternehmensberaters Martin Permantier. Wer Führung und Unternehmenskultur zukunftsfähig gestalten möchte, kommt an der Entwicklung der eigenen Führungspersönlichkeit und Kommunikationskompetenz nicht vorbei. Denn Haltung als Ausdruck unserer Denkweisen, Werte und Handlungen bestimmt, wie wir die Welt deuten und mit den Herausforderungen des Lebens tagtäglich umgehen. Sie ist, so Permantier, „ein Realitätsfilter, der bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten“ .

Permantiers Ansatz ist nicht neu. Er beruht auf kollektiven Entwicklungsmodellen wie zum Beispiel Graves Value System / Spiral Dynamics, dem integralen Ansatz von Ken Wilber und den Arbeiten von Frédéric Laloux. Permantier ergänzt diese Modelle durch individualpsychologische Entwicklungsmodelle, um einen eigenen Akzent mit seinem Haltungs-Stufenmodell zu setzen. Das Stichwort Haltung wird heute insbesondere in der agilen Arbeitswelt und im Bereich New Work intensiv diskutiert und als Schlüssel für den Erfolg selbstorganisatorisch-autonomer Arbeitsmethoden gewichtet. Permantier setzt diesen Gedanken in ein persönliches Entwicklungs-Programm um.

Haltung, so Permantier, hat mit Reife zu tun. Er benennt sechs verschiedene Reifegrade, von der selbstorientiert-impulsiven Haltung über die gemeinschaftsbestimmt-konformistische, rationalistisch-funktionale, eigenbestimmt-souveräne, relativierend-individualistische bis zur systemisch-autonomen Haltung. Diese Haltungen beschreibt er mit Hilfe typischer Überzeugungen, Werte und Handlungsmuster, sodass Leser sich anhand dieser plastischen Beschreibungen in den verschiedensten Lebenssituationen selbst einschätzen und kritisch hinterfragen können.

Und genau in dieser Plastizität und Anschaulichkeit liegt der Nutzen von Haltung entscheidet. Es ist weniger ein Lese- als vielmehr ein Arbeitsbuch zum Erkunden, Entdecken und bewussten Reiben an Positionen. Wer bereit ist, seine eigenen Standpunkte und ehernen Weisheiten aus der Metaperspektive zu betrachten und zu relativieren, wird flexibler auf den Wandel und die damit einhergehenden persönlichen Veränderungen umgehen können. Aus der grauen, mit schicken Buzzwords aufgemotzen Business-Theorie wird eine Werteorientierung, die im Alltag neue Impulse setzen kann.

Ein weiteres Selbstoptimierungsbuch? Permantier zitiert dazu Hemingway: „Es hat nichts Edles, wenn man seinen Mitmenschen überlegen ist. Wahre Größe liegt darin, seinem früheren Selbst überlegen zu sein.“ Die Welt neu zu fühlen, neu zu sehen, neu zu hören und zu denken ist kein Wettkampf, sondern ein Lebensweg.

Agile Werte spielerisch integrieren

3. November 2020

Mit Improvisationstheater zur besseren Zusammenarbeit? Diese Idee leuchtet ein. Heißt doch ein zentraler Grundsatz im Improtheater: Immer positiv spielen und Angebote der Spielpartner annehmen. Aber warum ein Buch über agile Werte in Kombination mit Methoden aus dem Improtheater? Was haben beide miteinander zu tun? Lässt sich die agile Wertehaltung mit Impromethoden integrieren?

Agile Werte leben von Robert Wiechmann und Laura Paradiek verdeutlicht, dass wir in einer Zeit des schnellen Wandels auf Werte als Kompass für unsere Selbstorganisation angewiesen sind. Je weniger wir im Außen planen und verlässliche Wege festlegen können, umso wichtiger wird es, innerlich Kurs zu halten und sich ad hoc auf neue Bedingungen einzustellen. Doch eine agile Haltung allein produziert unter Druck nicht automatisch agiles Verhalten. Wenn es stressig wird, greifen schnell die alten Muster, mit denen wir aufgewachsen sind.

Hier kommt das Improtheater ins Spiel. Es liefert eine Bühne für das Training im Umgang mit rasch wechselnden, herausfordernden Situationen. Denn in VUCA-Zeiten wird es schwieriger, sich gezielt und inhaltlich fundiert vorzubereiten. Während klassische Theaterrollen einem genauen Skript folgen, lebt das Rollenspiel im Improtheater von der Bereitschaft, Rollen situativ und flexibel auszukleiden sowie schnell zu wechseln. Mit Theatermethoden lernen wir, auf die Improvisationskompetenzen des „Ichs“ sowie des Teams zu vertrauen und dabei fehlertolerant zu sein.

Welchen Nutzen könnte es auch haben, mitten im Spiel gemeinsam einen Fehler zu analysieren? Viel wichtiger ist, dass sich das Geschehen produktiv entwickelt und auf ein gutes Ende hinsteuert. Im Improtheater gilt daher die Devise „scheiter heiter“. Denn Gram über das Scheitern reduziert nur die für gute Lösungen nötige Spontaneität und Kreativität. Nicht zuletzt helfen Impromethoden, Schritt für Schritt das Vertrauen in die Lösungskompetenzen des „Ichs“ sowie des Teams gezielt aufzubauen.

Agile Werte leben ist nicht originell im Hinblick auf die gewählten Improspiel-Ideen. Doch durch das Einordnen in den agilen Kontext erhalten die vorgestellten Methoden eine neue Tiefe. Ein gutes Buch für alle, die mit Theatermethoden mehr Spaß und (geistige) Bewegung in ihren Teamalltag bringen wollen.

Wie beeinflusst uns Sprache?

21. August 2020

NLP, das Neuro-linguistische Programmieren, hebt bereits im Namen hervor, welchen hohen Stellenwert es der Sprache beimisst. Die Sprache, so die NLP-Idee, setzt den Rahmen für unsere Sicht auf die Realität. Ein veränderter Umgang mit Sprache verändert daher auch die wahrgenommene Wirklichkeit. Der Linguist Guy Deutscher zeigt in seine Buch Im Spiegel der Sprache anhand von Sprachvergleichen, warum die Welt in anderen Sprachen tatsächlich anders aussieht.

Deutschers Feststellung: Jeder kann in seiner eigenen Sprache potenziell alles ausdrücken, was er als Idee oder Konzept verstanden hat. Doch jede Sprache verengt oder erweitert durch ihren Wortschatz und ihre Grammatik zugleich die Sicht auf die Welt. Drei spannende Beispiele untersucht Deutscher im Detail: das Deuten von Farben, die Verortung von Dingen und Menschen im Raum sowie der Umgang mit geschlechsspezifischen Sprachhinweisen, womit wir als Deutschsprechende besonders gut vertraut sind.

Zunächst zur Farbe: Noch zu Zeiten Homers war das Farb-Vokabular des Griechischen so begrenzt, dass man im 19. Jahrhundert über eine physiologische Einschränkung des Sehsinns in der Antike spekulierte. Doch heute ist gesichert, dass die Menschen der Antike biologisch genauso differenziert wahrnehmen konnten wie wir. Ihre kulturelle Sicht auf Farben war jedoch reduziert. Erst seitdem Menschen immer mehr Farben selbst herstellen können, wächst die Fähigkeit zur sprachlichen Unterscheidung von Farbnuancen an. Für uns ist das Meer heute (türkis-)blau, jadegrün, schwarz oder braun, während Homer das Meer durchgehend als „weindunkel“ wahrgenommen hat.

Das Beispiel der Verortung zeigt, welche Tragweite die Sprache für Wahrnehmungen haben kann. Die Sprecher der australischen Guugu Yimithirr-Sprache gehen nicht, wie wir es für selbstverständlich halten, egozentrisch vor und beschreiben Menschen, Gegenständen und Landschaften relational zu sich selbst. Stattdessen ordnen sie die Welt um sich nach Himmelsrichtungen: „Du findest die Milchprodukte im Osten des Supermarkts“.

Während wir uns gelegentlich missverstehen, weil wir nicht wissen, aus wessen Sicht die Beschreibung „rechts von“ zu deuten ist, schafft diese Eingeborenensprache eine überpersönliche Klarheit. Ihre Sprecher schulen schon in den ersten sechs Lebensjahren ihre Sinne in einem Ausmaß, das ihnen erlaubt, auch ohne Kompass die Himmelsrichtungen präzise zu bestimmen. Mit dem schrittweisen Aussterben dieser Sprache wurde leider auch das Aussterben dieser Fähigkeit festgestellt.

Nun zu geschlechtsspezifischen Hinweisen in der Sprache: In einem in englischer Sprache durchgeführten Experiment wurden Spanischmuttersprachler und Deutschmuttersprachler gebeten, ihre Assoziationen zu so einfachen Wörten wir „bed“ oder „apple“ zu nennen. Auch auf Englisch beschreiben Spanier Betten („las camas“) und Äpfel („las manzanas“) als ausgesprochen weiblich, während Deutsche dem Bett eher sachliche und dem Apfel eher männliche Qualitäten zuschreiben. Unbewusst hängen ganz offensichtlich unsere Assoziationen von sprachlichen Vorgaben ab. Ohne Zweifel ein gutes Argument für das gendergerechte Sprechen.

Das Fazit für den (Coaching-)Alltag: Die Wirklichkeit ist in den meisten Fällen nicht identisch mit der Sprache, in der wir sie beschreiben. Ein kritisches Überprüfen der Sprache erschließt, ganz im Sinne des NLP, neue Sichten auf die Welt. Mit einer sorgfältig gewählten Sprache fördern wir die Sinneswahrnehmung und schulen uns darin, Perspektivwechsel vorzunehmen. Sprachenlernen, so noch eine Erkenntnis, erweitert enorm den Horizont. Übrigens: Wer gerne Wissenschaftskrimis liest, hat mit der Lektüre diese Buches eine sehr vergnügliche Zeit vor sich.

 

 

Immer der Nase nach

28. Juli 2020

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Aus der Sicht von Bettina Pause, Professorin für biologische Psychologie, fängt unser Glück beim Riechen an. Geruch ist für sie aber nicht nur der „Türsteher“ zum Glück, sondern noch viel mehr. Aus Pauses Perspektive ist alles Geruchssache, was das Gehirn betrifft. Denn sie versteht unser Denkorgan evolutionär als ein Riechorgan: Je komplexer das Riechvermögen von Säugetieren, umso größer ihre Rechenzentrale Gehirn.

Um dieser Argumentation zu folgen, ist es wichtig, das eigene Wissen über den Geruchssinn auf den neuesten Stand zu bringen. Noch vor wenigen Jahren galt der tierische Geruchssinn als ausgebildeter als die menschliche Nase. Doch inzwischen darf angenommen werden, dass wir eine höhere Geruchsunterscheidungsfähigkeit besitzen als viele Tiere. Diese implizite Fähigkeit gerät jedoch in unserer am verstandesorientierten Denken ausgerichteten Kultur aus dem Blick.

Pauses These: „Riechen ist die Grundform des Fühlens.“ Und das Fühlen geht unseren kognitiven Entscheidungen (un-)bewusst immer voran. Weil Gerüche als einzige Sinneswahrnehmungen ungefiltert in das emotionale Gehirn gelangen, kommt ihnen eine zentrale Bedeutung für unsere Selbststeuerung zu. Gerüche erlauben uns beispielsweise, den genetisch passenden Partner zu finden. Im Sinne von Watzlawicks Formulierung „man kann nicht nicht kommunizieren“ ermöglicht die Chemokommunikation über Gerüche außerdem, beispielsweise Angst, Aggressionen oder auch den „Stallgeruch“ verwandter Menschen wahrzunehmen.

Der Geruchssinn ist die Basis für unsere soziale Intelligenz. So lässt sich nachweisen, dass Menschen mit einem entwickelten sozialen Netz tatsächlich feinere Nasen haben. Das menschliche „Parfum“ erlaubt es, Ähnlichkeiten in Bruchteilen von Sekunden zu erkennen und Rapport aufzubauen. Menschengeruch, so Pause, kann Empathie auslösen. Umgekehrt sendet es uns Störsignale bei Unstimmigkeiten und bedrohlichen Emotionen. Auffällig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen: Bei ihnen ist die chemische Übertragung von Emotionen beeinträchtigt.

Die Auseinandersetzung mit dem unterschätzten Geruchssinn lohnt sich offensichtlich nicht nur für Glückssuchende, wie Bettina Pause überzeugend darlegt. Ein paar weniger Exkurse in Randgebiete und ein feinerer Riecher bei wertenden Kommentaren hätten ihrem Buch aber gut zu Gesicht gestanden.

 

Schritte zu beweglichen Gedanken

25. Juni 2020

Gehen ist ganz einfach. Das weiß jedes Kind. Gehen ist ganz schön komplex. Das erfahren Kleinkinder beim Laufenlernen, wenn sie durchschnittlich 17 Mal in der Stunde fallen. Der irische Neurobiologe Shane O´Mara interessiert sich für das Gehen, weil er davon überzeugt ist, dass es ganzheitlich für „jeden Aspekt des Seins“ förderlich ist. Er untersucht, was die Wissenschaft darüber weiß und warum es uns so guttut. „Es ist, als mobilisiere der bloße Akt des Aufstehens kognitive und neuronale Ressourcen, die sonst ungenutzt bleiben.“

Gehen gibt uns Richtung und räumliches Vorstellungsvermögen bzw. eine dreidimensionale Orientierung im Raum. Unser Gehirn verfügt in seiner kognitiven Karte der Welt sogar über Ortszellen, die bestimmte Plätze exakt kartieren, während uns Kopfrichtungszellen räumlich ausrichten können. Über das Vorstellungsvermögen und den Rhythmus verleiht uns Gehen auch ein Gefühl für Zeit. Wer das Gehen für sich erobert, kann sich auch besser in seinem Leben orientieren.

Gehen leistet noch mehr, denn es hat auch eine zutiefst soziale Dimension. Gemeinsam Gehen ist eine koordinative Leistung von hoher Komplexität. Zum einen müssen wir unsere eigenen Bewegungen ausrichten. Zum anderen haben wir die Aufgabe, die Bewegungsrichtungen der anderen vorauszusagen und mit unserem Bewegungsmuster zu harmonisieren. In diesem Akt der interpersonalen Synchronisation gleichen sich unsere Körperprozesse wie Herzschlag oder Atmung an.

NLP´ler kennen den Prozess der Synchronisation als Pacen, Spiegeln und Rapport. „Die Nachahmung des Verhaltens anderer und die Bereitschaft, andere nachzuahmen, sind“, so O´Mara, „im Nervensystem fest verdrahtet.“ Der soziale Aspekt des Gehens hat nicht zuletzt dazu geführt, dass Menschengruppen wandernd die ganze Welt erobern konnten.

Gehen ist außerdem die Basis für Kreativität. Friedrich Nietzsche ging sogar so weit zu behaupten, dass nur die „ergangenen Gedanken“ Wert haben. Denn Kreativität entsteht nicht im sogenannten aktiven Exekutivmodus, sondern im Ruhezustand, dem Default-Modus, einem Zustand des Gedankenwanderns. Gedankenwandern führt über das Vernetzen weit auseinander liegender Hirnareale zu neuartigen Vernetzungen von Ideen. Umso wichtiger, so O´Mara, Lernen und Kreativität im gesellschaftlichen Raum bewegt zu gestalten.

Dass Bewegung auch gesund ist, ist natürlich nichts Neues. Kaum eine Körperfunktion profitiert nicht von regelmäßigem Gehen. Auch die Seele liebt es, aktiv zu sein. Studien legen nahe, dass die Persönlichkeitsentwicklung durch körperliche Aktivität gefördert wird. Weitere Beispiele liefern das Pilgern und der Kult um das japanische Waldbaden. Bewegung baut Stress ab, erhöht die Aufmerksamkeitsfähigkeit und mindert die Neigung zu Depressionen.

Nicht zuletzt ist das Gehen eine menschliche Besonderheit. Aufrechtes Gehen, Bipedie genannt, erlaubt den Einsatz von Werkzeugen und sorgt auch im Denken für eine Beweglichkeit, die Tieren verwehrt ist. Und weil das „Glück des Gehens“, das O´Mara beschreibt, kein Geld kostet, steht es jedem jederzeit zur Verfügung.

Bewusst werden und global denken

15. April 2020

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„Wie kann ich Resonanz mit mir und gleichzeitig mit anderen leben“, lautet die Frage, die Gundl Kutschera, die Altmeisterin des deutschsprachigen NLP, seit vielen Jahren bewegt. Als eine der wenigen hat sie die Methode nicht nur konsequent weiterentwickelt. Sie hat auch von Anfang an ein systemisches NLP-Verständnis vertreten. In ihrem aktuellen Buch „Das Jahrhundert des Bewusstwerdens“ zeigt sie, wie Selbstentwicklung als persönliches und zugleich globales Projekt verstanden werden kann.

Wer nach einem NLP-Lehrbuch im klassischen Sinne sucht und einen Überblick über die Methodensammlung des NLP erhalten möchte, für den ist Kutscheras Werk nicht die passenden Wahl. Wertvoll ist Kutscheras Buch aber für diejenigen, die die ganzheitlichen Denkweisen des systemischen NLP verstehen, einordnen und anhand der praktischen Beispiele für sich ausprobieren wollen. Die Kutschera-Fans bringt es zudem auf den neuesten Stand. Denn Weiterentwicklungen wie das Energiemuster-Modell oder das Fünf-Rollen-Modell werden ausführlich vorgestellt.

Aber der eigentliche Gewinn des Buchs liegt in der leichtfüßigen Vermittlung einer das Individuelle und die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft vernetzenden Sicht: Gesundheit und Persönlichkeit, Familie, Gesellschaft, Schule, Wirtschaft, Forschung und Lehre werden miteinander verknüpft. Das Bewusstwerden der Ganzheitlichkeit in diesem Jahrhundert ist ein Prozess, zu dem viele beitragen, beispielsweise Otto Scharmer mit seiner Theory U oder auch die Vertreter der agilen Bewegung. Aber für das NLP darf Gundl Kutschera für sich beanspruchen, diesen Prozess entscheidend gefördert zu haben. Kleiner Wermutstropfen: Ein bisschen werblich ist das Buch stellenweise auch.

 

 

Coaching mit dem Nervensystem

8. Januar 2020

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Coaching mit dem Nervensystem? Die Therapeutin Deb Dana zeigt in ihrem Buch Die Polyvagaltheorie in der Therapie, wie man Menschen dazu anleiten kann, alte Stressreaktionen ihres Autonomen Nervensystems zu erkennen und Zug um Zug aufzulösen. Der wichtigste Schritt dazu ist das Wahrnehmen der eigenen individuellen Konditionierungsmuster und das daran anschließende Erproben und Vertiefen ressourcevoller Strategien.

Wie funktioniert das Nervensystem bzw. wofür steht die Polyvagaltheorie?

Das Wechselspiel unseres vegetativen Nervensystems zwischen einem aktivierenden Sympathicus-Nerv und einem beruhigenden Vagus-Nerv ist schon lange bekannt. Der Psychiater Stephen Porges hat die Sicht auf dieses Wechselspiel mit der Polyvagaltheorie differenziert und gezeigt, dass nicht allein der anregende Sympathicus ein Gegenspieler des beruhigenden, entspannenden Vagus-Nervs ist. Auch ein Ast des vielfältigen Vagalsystems steht der Entspannung im Weg.

Porges unterscheidet nämlich zwischen dem vorderen und hinteren Vagus. Wirkt der vordere Vagus entspannend und öffnend für Kontaktaufbau sowie gute Kommunikation, verursacht der hintere Vagus eine Art Starre oder „Todstell-Reflex“. Höhere Hirnfunktionen sind durch diese Starre nur noch eingeschränkt verfügbar. Schwierige oder sogar traumatische Erlebnisse führen dazu, dass Menschen entweder sympathische Reaktionen wie Kampf oder Flucht oder parasympathische Reaktionen wie „Dichtmachen“ in ihrem Nervensystem speichern und konditioniert ablaufen lassen, auch wenn ihre Sicherheit in keinster Weise gefährdet ist. Die Klienten formulieren dann: „Mit dem Verstand komme ich diesem Thema nicht bei.“

Wie sieht die Arbeit mit dem Nervensystem in der coachenden Praxis aus?

Der zentrale Schritt zum Aufbau eines wieder stärker belastbaren Nervensystems, das Wahrnehmen und Flexibilisieren der eigenen individuellen Konditionierungsmuster, wurde bereits einleitend benannt. Um diese Form der Selbstbeobachtung zu ermöglichen, bietet der Coach seinem Klienten einen geschützen Raum, der in die Entspannung und Offenheit des forderen Vagus führt. Der Coach schafft also optimale Bedingungen für vertrauensvolle Kommunikation und ein waches Verarbeitung von Informationen.

Im Verlaufe eines solchen Coachings lösen sich so sowohl Rückzug, Tatenlosigkeit und geistige Starre als auch aggressive Angriffslust oder Tendenzen zur spontanen Fluchtreaktionen langsam auf. Der Klient lernt, Wahlen zu treffen und immer öfter mit dem Verhaltensrepertoire des vorderen Vagus zu reagieren. Er erkundet seine Trigger für unproduktive Reaktionen und erarbeitet sich vielfältige Alternativen. Sein Vertrauen in sich selbst und auch in sein Umfeld kann wachsen und sich stabilisieren.

Sollte die Arbeit mit dem Nervensystem nicht dem Therapeuten vorbehalten bleiben?

In der Tat hat sich die Arbeit mit dem Nervensystem insbesondere bei der Behandlung traumatisierter Menschen bewährt. Doch auch gesunde Menschen, die sich für ein Coaching anstelle einer Therapie entscheiden, können von diesem Ansatz profitieren. Insbesondere der allgegenwärtige Stress katapultiert viele Menschen immer wieder in unproduktive Antworten ihres Nervensystems. In einem Coaching können sie erkennen, dass ihnen vielfältige Alternativen zur Verfügung stehen.

In welcher Beziehung stehen systemisches NLP-Coaching und Coaching mit dem Nervensystem?

Das Coaching auf Basis der Polyvagaltheorie ist entwicklungsgeschichtlich nicht mit NLP verbunden. Der NLP-Anwender erkennt jedoch überraschende Parallelen. Das im NLP vermittelte Wissen um Körpersprache und Rapport sowie die Dynamik von gutem Pacen als Voraussetzung für das Leaden erschafft genau den sicheren Raum, der für die Arbeit mit dem Nervensystem wichtig ist. Auch das achtsame Wahrnehmen der Sinneseindrücke und das Erkennen sowie Verändern konditionierter Strategien gehören zum klassischen Repertoire des NLP. Die Polyvagaltheorie verdeutlicht dem NLP-Anwender, warum diese Herangehensweisen so produktiv wirken. Weshalb nicht auch Ideen aus der Arbeit mit dem Nervensystem ins klassische Coaching integrieren? Deb Danas Buch bietet zahlreiche praktische Anregungen dafür.

Form folgt Bewusstsein

4. Dezember 2019

„Form folgt Bewusstsein“, so ein zentraler Gedanke der bereits 1996 vorgestellten Theorie U von C. Otto Scharmer. Mit den Essentials der Theorie U stellt er nun die Grundprinzipien und Anwendungen seiner Theorie in kompakter Form dar. Seine These: „Die Qualität von Ergebnissen, die ein soziales System erzielt, hängt von dem Bewusstsein ab, auf dessen Basis die Menschen in diesem System handeln.“

Ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit? Heißt es nicht auch in der agilen Bewegung, dass Haltung und das damit verbundene Bewusstsein vor Methoden geht? Die öffentlichen Diskurse rund um die Bewegung zeigen zumeist das Gegenteil. Immer wieder werden Tools eingesetzt in der Hoffnung, dass das Bewusstsein folgt.

Der Gedanke, Führung konsequent auf Bewusstsein aufzubauen und die Methode daran anzupassen, ist also tatsächlich neu und ungewöhnlich konsequent. Die Theorie U beschreibt einen Weg, der durch achtsame Dialoge zu einer tiefen Erneuerung der Denkweisen, Gefühle und Willensbildungsprozesse führt. Im Mittelpunkt steht das Presencing, ein achtsames Einlassen, das zu kreativen Einsichten und der Entwicklung zukunftsweisender Lösungen führt.

Das wirklich bahnbrechende der Theorie U ist der Mut, nicht nur, wie üblich, das persönliche Bewusstsein und die damit verbundenen Sichtweisen und Gefühle in den Blick zu nehmen. Otto Scharmer fordert Menschen dazu auf, sich in kollektiven privaten wie beruflichen Kontexten konsequent als ganze Menschen mit Körper, Seele und Geist zu begegnen. Aus dieser Sicht gehört es zur wichtigsten Aufgaben von Führung, Räume für genau diese Begegnungen zu schaffen und die Öffnung von Körper, Seele und Geist in der eigenen Haltung vorzuleben.

Der Nutzen der Theorie U? Sie schafft Bewusstheit über etwas, was wir insgeheim wissen, aber über die achtlose und oberflächliche Anwendung von Tools und Methoden vergessen haben. Darüber hinaus stellt sie uns eine neue Sprache zur Verfügung, die dieses verschüttete Wissen durch Begriffe wieder griffig macht.

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